Kolumne

Kurz mal ’ne App entwickeln? Easy. Was viiiele geniale Entwickler:innen unsagbar umständlich, zahlenlastig und für viele unverständlich in eine anti-wundervolle werbungsverstopfte App prügeln, kann man auch übersichtlich und verständlich darstellen? Hexenwerk – verbrennt sie! Schon irgendwie traurig, dass es zwei Münsteraner Studis braucht, um eine (cov)idiotensichere App zu bauen, die einem auf einen Blick alles zeigt, was man wissen muss: Aktuelle Fallzahlen, Inzidenzzahlen, Neuzahlen deutschlandweit, neue Infektionen, Todesrate, belegte Intensivbetten und anteilig die für Covid-Patient:innen in der gewählten Stadt, sowie die geltenden Beschränkungen. Statt pöbeln, hier also mal ein Lob: Danke, Ole und Julian aus Münster für Corona-lokal.web.app. Liebe geht raus an Euch x3
  

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Für mich waren der vergangene Freitag und Samstag, wie für viele Menschen, ein kathartisches Erlebnis. In der Wahlnacht 2016, als sich anhand der in Verruf geratenen Wahlvorhersage-Nadel der New York Times abzeichnete, dass Trump Präsident werden würde, bin ich um drei Uhr morgens in einer Kombination aus Unglauben und dem Eintreten einer unheilvollen Vorahnung zur nächsten Tankstelle geschlurft und habe eine Flasche Hochprozentigen gekauft. Die vergangene Wahlwoche, dramaturgisch eher ein abschüssiges Gefälle als eine Pyramide, hat bei mir, wie auch bei so vielen anderen, einen Knoten gelöst. Aber was bleibt in einem Land, in dem Politik wie Theater verfolgt wird? Leider die endlose Tragödie des legislativen Stillstands und einer gebrochenen Demokratie, die strukturell unfähig ist, sich selbst zu reformieren, da die Präsidentschaft nur eine Figur in einem Spiel aus viel zu häufig unterschätzten Darsteller:innen ist.   

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Der Berliner Flughafen BER öffnet seine Pforten und damit sind abgesehen von Stuttgart 21 alle geplagten, prestigeträchtigen Infrastrukturprojekte fertig gestellt. Naja, fast alle. Denn dann ist dort noch Bochums ganz eigener BER – die Unlucky 310. Acht Jahre Bauzeit und drei Jahre Verspätung für die Streckenerweiterung der Straßenbahnlinie von Langendreer nach Witten, aufgrund von zu tiefen Brücken und unerwartet freigelegter Glasfaser, hat es gebraucht. Zwischendurch noch den ein oder anderen Unfall mit LKW, Porsche und anderer Straßenbahn, musste die starke Kämpferin durchstehen, um vergangenen Sonntag feierlich eröffnet zu werden. Feierlich? Naja, nicht ganz. Denn dank dem aktuellen Pandemie-Geschehen wurde ihr selbst die Feier der Stunde verwährt. Ganz ohne Trara und
Weinüberzug fährt sie nun ihre neue Strecke, Bochums wehrhafte Lady.           

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Ein ganzes Semester gab es Zeit sowohl für Studis als auch für die Uni sich an den neuen Alltag zu gewöhnen, sich umzustellen und sich auch technisch vorzubereiten. Den Studis wird der weitere Freiversuch für Klausuren gestrichen, weil sie sich ja an die Umstände haben anpassen können. Und die Lehre? Die eiert vor sich hin. Nicht nur, dass manche Dozent:innen scheinbar der Meinung sind, dass sich Inhalte von Zauberhand in Onlinecontent verwandeln und sie auf wundersame Weise ganz plötzlich nicht mehr erreichbar sind. Nein, das Problem ist komplexer: Zugriff auf Moodle, weil ja vieles online stattfindet? Klappt so semi-gut. Doch Paradebeispiel für technisches Trödeln scheinen die RUB-Mailserver zu sein, die original aus dem 18. Jahrhundert kommen müssen. 
Normale Leistung fordern, aber veraltetes Equipment zur Verfügung stellen, ist ziemlich unfair, liebe RUB.  

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Ein verstohlener Blick nach links. Niemand da. Ein geheimer Blick nach rechts? In einigem Abstand jemand zu sehen. Es kratzt. Das kribbelnde Kratzen steigt langsam hoch. Das Gesicht verzieht sich leicht. Die Augen kneifen zu. Im Kopf ein Karussel „Oh ne, bitte nicht … “ Kurz mit dem Unterarm über den Mundschutz rubbeln. Geht’s? Es kribbelt kurz weniger, dann wieder wie vorher. „Och neeee“, hallt es durch den Kopf. Die Herbstsonne scheint, ein kurzer blick nach oben – und man hat verloren. Schnell den Kopf zur Armbeuge gedreht – HATSCHI!!! Ein weiterer verstohlener, schuldbewusster Blick zu den Seiten. Überall vorwurfsvolle Gesichter. Wo kommen die alle her? Gerade war niemand da! Hätte ich eine elektronische Fußfessel an, würden weniger Menschen glotzen. Wie Schwerverbrechen in Coronazeiten aussehen.

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Die Universitätsstraße kriegt eine Protected Bike Lane! Auf der einen Seite ist sie sogar schon fertig, die andere folgt bis Ende Oktober. Ein Traum für alle Radfahrer:innen. Endlich mehr Sicherheit, endlich hat man sich eine Stück des Platz-auf-der-Straße-
Kuchens erkämpft. Für 500 Meter. An einer Stelle, an der es bereits einen relativ großzügig bemessenen Radweg gibt, während es ein Stück weiter Richtung Innenstadt direkt deutlich schmaler wird. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club sieht das ähnlich, und fragt, welche Strahlkraft das Projekt in der aktuellen Ausführung überhaupt haben könne. Und dafür hat man jetzt wochenlang den Radweg zu großen Teilen gesperrt und auch den KFZ-Verkehr eingeschränkt. Geld und Aufwand, mit denen man auch die deutlich weniger luxuriösen Abschnitte der Bochumer Radwege hätte sanieren können. Protected Bike Lane klingt aber natürlich schicker.    

:kjan

Algorithmen zur Gesichtserkennung, Anpassung von Suchergebnissen und zur Präsentation von Content, der die User interessieren könnte, gehören mittlerweile offenbar fest zu Social Media Plattformen. Umso erwartbarer ist es, dass sie auch immer wieder Probleme bereiten. Zwei langgezogene Bilder – jeweils an einem Ende republikanischer US-Senator und „grim reaper of democracy“ Mitch McConnell, am anderen Ende Ex-Präsident Barack Obama – sorgten für Kontroversen auf Twitter. Denn in diesem, und vielen anderen Fällen schien der Algorithmus die Gesichter weißer Personen zu bevorzugen und in der Bildvorschau zu zeigen. Relativ schnell schafften es User, den Algorithmus auszunutzen, und „Was wird der Algorithmus wählen“ wurde ein running gag für mehrere Tage. Mir stellt sich die Frage, ob wir damit nicht alle zu unfreiwilligen, unbezahlten Beta-Tester:innen geworden sind. Wenn ja, Chapeau Kapitalismus! We have been thorougly bamboozled.   

:kjan

Immer mitten in die Fresse rein! Das dachte sich auch ein Gelsenkirchener Herr – und das sogar gleich zwei Mal! – als er des Nachtens oder eher in den frühen Morgenstunden die Rückseite des Bochumer Hauptbahnhofs betrat. Von einem plötzlichen und unvermittelt auftretendem Hüngerchen geplagt, sah sich der junge Mann dazu berufen, sich an den Auslagen der aufbauenden Marktstände zu bedienen. Der ergriffene Pfirsich wurde nun zum Zankapfel des Standbetreibers und des Gelsenkircheners. Auf seinen Diebstahl angesprochen und zurechtgewiesen, dass er den Pfirsich wohl zurückzugeben hätte, war der Herr empört – wie frech auch, dass auf dem Markt nicht einfach Selbstbedienung gilt! – und langte erneut zu. Ins Gesicht des Marktstandbetreibers. Dumm nur, dass der Pfirsichdieb am Ende ins Krankenhaus musste.  

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Nichts ist so gewiss wie die Ungewissheit. Sei es beim Warten, wie lang die Verspätung der Bahn ist, beim Gang vor die Tür im strahlenden Sonnenlicht, was schnell und unvorhersehbar zu Sturm und Eisregen wechseln kann, oder aber im Berufsleben … so weiß es zumindest die Bundeswehr: „Unsichere Zeiten? Zeit für nen sicheren Job!“, heißt es auf den neuen Bundeswehr Plakaten. Und wenn uns eins gezeigt hat, wie unsicher die Bevölkerung gerade ist, dann ja wohl die Bilder, die sich vergangene Woche vor dem Reichstagsgebäude gezeigt haben. Perfekter Zeitpunkt, um diese „besorgten Bürger:innen“ für die Bundeswehr zu gewinnen. Bei der Polizei wurden Anforderungen an Bewerber:innen in der vergangenen Zeit mehr und mehr runter geschraubt, also warum nicht auch alle, die gerade unsicher sind, zur Bundeswehr holen? Ist doch egal, ob irgendwer für den Job gemacht ist. Hauptsache sie haben Bock und Angst. 

 :fufu

„Schon wieder in Scheiße getreten!“ auf dem Foto ein Fuß, der auf einem Wahlplakat steht. Eigentlich ganz witzig, bei näherem hinsehen gar nicht so sehr. Irgendwie ist dieses Plakat auf dem Boden gelandet, frei von der Seele weg unterstelle ich nun einfach, dass es nicht von einer spontanen punktuellen Zunahme der Gravitation zu Boden gerissen wurde, sondern ein:e irdische:r Querulant:in dem auf die Sprünge geholfen hat. Und an der Stelle tun sich für mich Fragen auf. Warum reißt man sie runter? Warum beschmiert man sie? Warum lässt man das nicht einfach hängen bis die Wahlen rum sind? „Ja aber manche Parteien sind einfach Schmutz!“ Legitim. Da wird niemand widersprechen, da das einfach korrekt ist. Dennoch kann man auch ein Plakat einfach mal ein paar Wochen aushalten ohne sich strafbar zu machen, ohne Müll zu verursachen und ohne Öl ins Feuer zu gießen. 

:ken

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