Auftakt der Ruhrtriennale
Zwischenzeit und Gegensätze bei der Ruhrtriennale
Bild: Stella Olivier
Viel zu sehen bei „The Head and the Load“: Die Produktion beeindruckt mit ihren vielen Bildern. Bild: Stella Olivier
Viel zu sehen bei „The Head and the Load“: Die Produktion beeindruckt mit ihren vielen Bildern.

Theaterfestival. Mit den Produktionen „The Head and the Load“ und „The Factory“ steigt die Ruhrtriennale in die erste Spielzeit unter der neuen Intendantin Stefanie Carp ein. Obwohl beide Inszenierungen mit ähnlichen Themen spielen, könnte deren Darstellung unterschiedlicher nicht sein.

Das Festival ist eröffnet: Bis zum 23. September sind 23 Produktionen mit mehr als 920 Künstler*innen aus 30 Ländern an den industriellen Orten des Ruhrgebiets zu sehen. Mit dem Hintergrund der langanhaltenden Fluchtbewegungen werden unter dem Motto „Zwischenzeit“ politische, gesellschaftliche und kritische Stücke gezeigt, die emblematisch für die derzeitige „Zwischenzeit“ sind, in welcher die zukünftige Ausformung unserer Gesellschaften überall verhandelt wird.

Ausbreiten

In diesem Kontext steht auch das Eröffnungsstück „The Head and the Load“ des südafrikanischen Künstlers und Regisseurs William Kentridge. Das Stück setzt sich mit der Rolle Afrikas im Ersten Weltkrieg auseinander. Der Regisseur vermischt gekonnt die Genres der Kunstwelt wie Tanz, Skulpturen, Musik miteinander. Das mit zahlreichen Assoziationen aufgeladene Stück spaltet die Zuschauenden. Nicht nur die meterlange Bühne, die einen steifen Nacken verspricht, sondern auch die Mischung aus Musik, Gesang, Tanz und Licht reizen die Sinnesorgane. Fragmentarisch werden die Ereignisse und das Kriegsgeschehen in Afrika thematisiert. Eine Explosion von Gefühlen, Worten und Bildern erschüttert das Publikum. Besonders beeindruckend ist ein Schattenspiel in der Kombination mit einem Video auf der Leinwand hinter der Bühne über die Ersetzbarkeit von Soldat*innen. Diese treten in einem endlosen Totenprozess auf und ab. Auf ihren Schultern tragen sie die schweren Lasten des Krieges: Bomben, Schiffe, die Gesichter der Verantwortlichen. Sie werfen ihre Schatten auf ein Kriegsfeld der Zerstörung.

Einfallen

Im Gegensatz dazu steht „The Factory“. Das Schauspiel des Regisseurs Omar Abusaada mit einem Text von Mohammad Al Attar zeigt sich szenisch stark reduziert: Die Figuren, ein Arbeiter und zwei Unternehmer einer französischen Zementfabrik in Syrien sowie eine Journalistin, tragen die Geschehnisse, die sich seit 2011 entwickelten ruhig vor. Während die Fabrikinhaber*innen die Produktion trotz des Krieges nicht unterbrechen und die Arbeiter mit ihrer Situation inmitten von Zerstörung und Produktion von Beton umgehen, zieht wenig von der Hektik, dem Lärm und dem Chaos der Außengeschehnisse ein. Durch die wenigen szenischen Mittel und die nüchterne Sprechart der Schauspieler*innen, die mitunter wie die resignierte Rekapitulation eines Traumas wirkt, kommt es zu einigen Längen. Für die erste Hälfte des Stücks ragen drei Betonwände hinter den Schauspieler*innen empor, die, in einem Kreisansatz aufgestellt, ein Unbehagen vermitteln. Wie ein Damoklesschwert wirkend, scheinen sie, als könnten sie in jedem Moment auf die Handelnden einfallen. Auch die spätere Anordnung von Lichtern entlang des Bühnenbodens vermittelt gekonnt ein Gefühl für das, was sich im Hintergrund abspielt.              

:Maike Grabow und  Stefan Moll

Info:Box

Bei der Ruhrtriennale ist die Redaktion Eurer Lieblingszeitung live vor Ort. Wir berichten über die Stücke, die Atmosphäre und werfen einen Einblick hinter die Kulissen. Die Beiträge gibt‘s online.

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