Verflechtungen von Wirtschaft und Wissenschaft im Visier von Hochschulwatch
Wenn Unternehmen stiften gehen
Grafik: joop; Quelle: Hochschulwatch / Statistisches Bundesamt
Anwendungsorientierung ist lukrativ: Anteil der Drittmittel aus der Wirtschaft an einigen Ruhr-Hochschulen. Grafik: joop; Quelle: Hochschulwatch / Statistisches Bundesamt
Anwendungsorientierung ist lukrativ: Anteil der Drittmittel aus der Wirtschaft an einigen Ruhr-Hochschulen.

Jährlich fließen 1,3 Milliarden Euro aus der Wirtschaft an deutsche Hochschulen; das sind 20 Prozent der Drittmittel. In den letzten zehn Jahren habe sich die Summe mehr als verdoppelt, sagt Arne Semsrott vom Projekt Hochschulwatch, das Transparenz schaffen will. „Wir wollen untersuchen, ob damit auch ein größerer Einfluss der Unternehmen einhergeht. Ist die Freiheit von Forschung und Lehre in Gefahr?“

Taz, Transparency Deutschland und der fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften) starteten vor zwei Jahren das Kooperationsprojekt Hochschulwatch und sammelten über 10.000 Daten zu Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. „Die Drittmittelzahlen müssen die Hochschulen ans Statistische Bundesamt melden – die sind also einfach zu erfragen“, erklärt Semsrott. Die Ruhr-Universität liegt mit 22 Prozent Drittmitteln aus der Wirtschaft knapp überm Durchschnitt, die Hochschule Bochum kommt auf 33 Prozent. „Bei Stiftungsprofessuren und vor allem bei Sponsoringberichten ist das aber deutlich schwieriger“, so Semsrott. Viele Hochschulen hätten die Anfragen nicht beantwortet, einige holten dies inzwischen nach. Doch laut Semsrott gibt es noch viel zu tun. „Wir wissen: Das ist nur die Spitze des Eisbergs.“

Einfallstor für Interessenkonflikte

Die Liste der Stiftungsprofessuren sei einigermaßen vollständig, doch Daten zu Sponsoring lägen nur aus fünf Bundesländern vor – unvollständig. „Und Daten zu Nebentätigkeiten von Professoren oder Auftragsforschung fehlen bislang ganz“, bemängelt Semsrott. „Das Wichtigste fehlt meistens zudem: Die Offenlegung der Kooperationsverträge zwischen Hochschulen und Unternehmen, in denen festgeschrieben ist, ob Unternehmen auf Forschung und Lehre Einfluss nehmen.“

Vielfach sitzen Stifter und Sponsoren gleichzeitig in Hochschulräten. „Ein Einfallstor für Interessenkonflikte“ nennt Semsrott das: „Denn so können potentiell Geldgeber gleichzeitig auch über Hochschulpolitik mitbestimmen.“

Bayer-Prof im Aldi-Hörsaal

Das Sponsoring unterscheidet sich nach Region und Fach. So seien Bayern und Baden-Württemberg bei Stiftungsprofessuren weit vorne. „TUs haben in der Regel besonders viele Drittmittel aus der Wirtschaft – genauso wie Fachhochschulen. Das erklärt sich durch die Nähe der MINT-Fächer zur Wirtschaft“, sagt Semsrott. Auch an der RUB sind die meisten Stiftungsprofessuren in den Fachbereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, gesponsert etwa von Bayer. Doch selbst in der Theaterwissenschaft gibt es eine Stiftungsprofessur.

Gesponserte Professuren, Stipendien, selbst „Aldi-Hörsäle“ dreier Hochschulen listet die Projekt-Webseite auf. Hochschulwatch erhält viel Ermunterung zur weiteren Recherche, einige Unternehmen und Hochschulen fürchten aber einen Generalverdacht. „Darum geht es uns aber nicht – Kooperation ja, aber bitte transparent. Es muss sichergestellt werden, dass die Wissenschaft unabhängig bleibt“, sagt Semsrott, der aktuell per Crowdfunding selbst Sponsoren für weitere Recherchen sucht.

Mehr Infos: www.hochschulwatch.de

:Johannes Opfermann