Muss Leipziger Jura-Professor bald abrauschern?
Wenn reden nicht mehr hilft …
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Schwere Entscheidung: Diskurs wahren oder Diss-Kurs fahren? Bearbeitung: kac
Schwere Entscheidung: Diskurs wahren oder Diss-Kurs fahren?

Kommentar. Der Fall Baberowski, der Jongen-Auftritt und nun: die Rauscher-Gate. Diskursverschiebung nach rechts auf Hochtouren. Bewährt hat sich der Round Table, an dem alle glücklich werden sollen, nicht. Muss in Leipzig bald jemand abrauschern?

Es könnte so einfach sein: Studierende der Uni Leipzig machen auf die fragwürdige Gesinnung eines Jura-Professors aufmerksam. Die Studierendenschaft solidarisiert sich, boykottiert die Veranstaltungen und macht via Internet alle Geschehnisse publik. Die Univerwaltung leitet dienstrechtliche Schritte ein, der Fall wird geprüft und zack – Problem gelöst. Doch so ist es nicht.

Jura-Professor Thomas Rauscher ist in Vergangenheit häufiger durch rassistische Äußerungen und radikale Positionierungen aufgefallen, aber: immer im vermeintlichen Safe Space des Internets. Quietschfidel zwitscherte er im Januar 2016 Hass-Botschaften wie: „Es gibt keinen friedlichen Islam. Dschihad ist der Auftrag dieser Leute. Deutschland wird sich mit dem wohlmeinenden Irrtum selbst zerstören.“ Oder kommentierte jüngst rechtsradikale Demonstrationen in Polen mit den Worten: „Polen: ‚Ein weißes Europa brüderlicher Nationen.‘ Für mich ist das ein wunderbares Ziel!“ Zu allem Wahnwitz ist Rauscher übrigens Erasmus-Koordinator. 

Am Donnerstagmorgen des 16. Novembers genügte es den LeipzigerInnen: Studierende projizierten zu Beginn einer Vorlesung Rauschers Tweets an die Wand und forderten die Entlassung des Juristen. Auf Rauschers Frage, ob man mit ihm diskutieren wolle, antwortete ein Student: „Tatsächlich möchte ich nicht mit ihnen diskutieren, sondern meinen Standpunkt klarstellen.“ Geredet wurde genug. 

Immer mehr Plattformen

Baberowski ist immer noch Lehrstuhlinhaber an der HU Berlin; AfD-Philosoph und Sloterdijk-Schüler Marc Jongen durfte im Oktober im Hannah Arendt Center (!) in New York zur Krise der Demokratie referieren; und Gary Younge darf sich im Interview von White-Supremacy-Aktivist Richard Spencer erklären lassen, inwieweit die afroamerikanische Bevölkerung von Sklaverei profitierte.

Könnte bitte jemand den 20er-Jahre-Soundtrack runterdrehen? Zuletzt erlebte man Sprünge wie in der Logik der Neurechten beim Durchhören der Platten aus Opas altem Schallplatten-Schrank. Doch genau dieser Soundtrack wird immer lauter: in Form eines fiependen, betäubenden Sinustons. 

Entlasten oder Entlassen?

Den Beweis dafür liefert ebenjene Rauscher-Gate. Rauscher fiel schon früher auf, die Univerwaltung distanzierte sich und organisierte eine Podiumsdiskussion über die Grenzen der Meinungsfreiheit. Mit Rauscher.  Dienstrechtliche Maßnahmen wurden keine eingeleitet – wie auch? Aus arbeitsrechtlicher Perspektive genießt Rauscher soweit Immunität. Da er die Meinungsfreiheit nicht unter Instrumentalisierung seines Amtes strapaziert, kann die Universität als Arbeitgeber nicht viel ausrichten. Im Zweifelsfall würde sich Rauscher wieder einklagen.

Deshalb hat die Studierendenschaft genau richtig gehandelt: Nicht diskutieren, boykottieren. Spoiler-Alert: Die jüngsten Episoden von „Mit Rechten reden“ haben alle den erwarteten Ausgang gefunden. Und bitte keine „Zur-Wahrung-der-Diskursivität“-Argumente mehr. Denn RechtspopulistInnen rechtfertigen ihre fremdenfeindlichen Aussagen zunehmend damit, dass es totalitär und faschistisch sei, wenn sie das nicht sagen dürfen. Den eigenen weltoffenen Ansprüchen zu genügen, bedeutet jedoch nicht, sich jeden Mist anhören zu müssen.              

:Marcus Boxler