Studentische Tagung Sprachwissenschaft in Berlin mit Bochumer Beteiligung
Würze fürs Hirn
Bild: stuts52.de
Sprachwissenschaftliche Berieselung: Die StuTS hält eine bunte Mischung für Nachwuchslinguistinnen bereit. Bild: stuts52.de
Sprachwissenschaftliche Berieselung: Die StuTS hält eine bunte Mischung für Nachwuchslinguistinnen bereit.

Vergangene Woche fand in Berlin die studentische Tagung Sprachwissenschaft, kurz StuTS, statt. Unter den 200 TeilnehmerInnen und mehr als 50 Vortragenden aus ganz Deutschland und verschiedenen Nachbarländern befand sich auch eine Delegation von Bochumer Studierenden vor Ort, um sich Vorträge aus der gesamten Bandbreite des sprachwissenschaftlichen Studiums und der Wissenschaft anzuhören bzw. diese zu halten, und sich mit anderen Studierenden auszutauschen. Gleichzeitig ist die StuTS auch die Bundesfachschaftentagung (BuFaTa) der sprachwissenschaftlichen Fächer. Unter Umständen findet die nächste Wintersemester-StuTS an der Ruhr-Universität statt.

Für einige TeilnehmerInnen ist es bereits die sechste oder siebte StuTS. Die meisten waren zumindest schon einmal da und haben sich vorgenommen, auch das nächste Mal wieder dabei zu sein. Für viele, insbesondere ausländische Studierende, ist es die erste Tagung dieser Art. Auch von ihnen wollen viele wiederkommen. Die Stärken der Tagung überzeugen Sprach- und Linguistikinteressierte jeder Fachrichtung auf Anhieb.

Polnisch, Arabisch und Chintang

Hervorgehoben wird von den Teilnehmenden immer wieder die thematische Offenheit und  die so entstehende Vielfalt. „Got Linguistics?“, fragt die Figur auf dem Plakat zur Berliner Auflage der Zusammenkunft, die am Sonntag zu ende ging, und schüttet sich aus einer Art Salzstreuer die Begriffe Pragmatik, Psycholinguistik, Sprechakte, Semantik, Morphologie, Computerlinguistik, Gesprächsanalyse und noch einige mehr in den Schädel – Sprachwissenschaft als Würze für’s Hirn.
Diese fachliche Vielfalt unterliegt gleichwohl keinen Einschränkungen, was die zugrundeliegende Fachrichtung angeht. Allein aus Bochum etwa kamen Interessierte der Fachrichtungen Koreanistik, Japanologie, Germanistik sowie der Linguistik nach Berlin; das Angebot der Vorträge reicht von grammatischen deutsch-polnischen Vergleichsstudien über Fragestellungen zum modernen Arabisch hin zu einer Einführung über die nepalesische Minderheitensprache Chintang. Der Vortrag über färöische Dialekte musste leider abgesagt werden. Die TeilnehmerInnen schätzen diesen unglaublichen thematischen Reichtum, weil er ermöglicht, über den eigenen fachlichen Tellerrand hinauszublicken.
Von einem Vortrag Inspirierte können mit der Referentin oder dem Referenten leicht ins Gespräch kommen und sich über das Thema austauschen – nicht nur in der Diskussionsrunde nach dem Vortrag, sondern auch auf dem Flur der Universität, beim gemeinsamen essen, einkaufen, feiern oder dem traditionellen Abschlussbrunch am Sonntag. Schließlich sind die allermeisten Vortragenden selbst Studierende (die Vorträge, sog. „keynotes“ von WissenschaftlerInnen der Technischen, der Freien und der Humboldt-Universität waren sozusagen nur ein Extra zum normalen Programm), so dass niemand Scheu zu haben braucht, jemanden anzusprechen und sich auszutauschen.
Der Wikipedia-Artikel zur StuTS, den begeisterte langjährige FreundInnen der Tagung zugeben geschrieben zu haben (wer denn sonst?), beschreibt die Situation so: „Für Studenten ist die StuTS eine wichtige Gelegenheit, ohne den Druck, den Peer-Review und Anwesenheit von Koryphäen bei ‚echten‘ wissenschaftlichen Konferenzen ausüben, eigene linguistische Theorien und Untersuchungen außerhalb von Seminaren einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen zu können. Ein besonderer Reiz kann auch sein, hochtrabende Gedankengänge oder scheinbar triviale Grundlagen der eigenen Disziplin interessierten Studenten aus anderen Bereichen vorzustellen.“

Gegen die blinden Flecke der Wissenschaft

Das Organisationsteam aus Berlin hat ein paar Neuerungen gewagt. So wurde das wissenschaftliche Programm durch ein künstlerisches ergänzt. Im Programmheft heißt es: „Können die ‚blinden Flecke‘ der (Sprach-)Wissenschaft mit künstlerischen Mitteln erforscht werden?“ Deshalb gab es eine Videovorführung, Vorführungen des Pantomime-Kollektivs Wurmpüree Deluxe, die am Abend Anklang fanden, um 8 Uhr morgens allerdings eher für Verwirrung sorgten, und die satirische Performance „Talking Straight“ von Daniel Cremer, die in exzellenter Konzeption und grandioser Ausführung laut Programm „den bodenlosen Abgrund von Erfolg, Wellness und Lebensglück“ beleuchtete.
Neu waren neben den Vorträgen auch die Tutorials, die eine Einführung in wissenschaftliche Werkzeuge und Methoden boten und somit für viele angehende WissenschaftlerInnen einen gewinnbringenden praktischen Nutzen hatten.
Wenig Anklang fand die Entscheidung der Organisatoren, auf die traditionelle gemeinsame Abschlussparty zu verzichten mit der merkwürdigen Begründung, es gebe genug Partys in Berlin. Damit wurde eine der Stärken der StuTS, der integrative Charakter, leider abgeschwächt.
Dies ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen. Das generelle Feedback war positiv und die Freude auf die nächste StuTS im Mai in München groß.
Die „Neulinge“ aus Dänemark ließen sich bereits am zweiten Tagungstag mit- und zu der Idee hinreißen, die übernächste StuTS entweder an der Universität im jütländischen Århus oder wahrscheinlicher noch in der Hauptstadt Kopenhagen auszurichten. Allerdings wollen sie erst Rücksprache mit weiteren Interessierten in der Heimat halten. Im Februar wird dann feststehen, ob die StuTS einen weiteren großen Schritt Richtung Internationalität geht, oder ob die Ruhr-Universität Bochum oder die Heinrich-Heine-Uni in Düsseldorf einspringt und im nächsten November GästInnen von nah und fern begrüßen wird.
 

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