„Dead or Alive Slam“ im Schauspielhaus: Erster Sieg für die toten Dichter
Tote Dichter, lebendige Worte
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Tote slammen länger: Dostojewski freut sich über seinen Sieg. Bild: Jacq
Tote slammen länger: Dostojewski freut sich über seinen Sieg.

Der „Dead or Alive Slam“ ging letzten Freitag im Schauspielhaus Bochum in eine neue Runde. Tote Dichter vs. gegenwärtige Poetry-SlammerInnen. Ganz knapp machten diesmal die toten Dichter, inszeniert von SchauspielerInnen des Bochumer Schauspielhauses, das Rennen. Die hatten den Sieg sowohl dem legendären Fjodor Michailowitsch Dostojewski als auch dem bewundernswerten Schauspieler Daniel Stock zu verdanken.  
                         
Vorgetragene Texte von Poetry-SlammerInnen bewerten? Macht Sinn. Sich eine Meinung über Texte verstorbener Dichter bilden? Scheint plausibel. Die neuartige Kunstform mit Klassikern der Weltliteratur vergleichen? Schwierig.
Nichts desto trotz macht der Dead or Alive Slam diesen Vergleich möglich. Denn durch die lebendige Inszenierung der toten Dichter wird ein Berührungspunkt zwischen den Toten und den Lebenden geschaffen: Poetry-SlammerInnen arbeiten mit bewusster Inszenierung und drücken sich durch performative Elemente aus – ähnlich wie SchauspielerInnen.
Aus der Sicht der Teilnehmenden ermöglicht ihnen der Dead or Alive Slam ein einzigartiges Feedback. „Die Schauspieler kriegen eine ganz direkte Reaktion auf ihre eigene Leistung. Gleichzeitig ist es natürlich eine große Herausforderung, weil man sich nicht mehr hinter einem Stück verstecken kann. Man agiert nicht als Team, sondern steht alleine auf der Bühne. Man muss nicht ganz am Ende des Stückes versuchen, an Nuancen des Applauses herauszuhören, ob dem Publikum die eigene Leistung im Rahmen eines Theaterstückes gefallen hat“, erläutert Sebastian 23, Slampoet und Comedian sowie Moderator der Dead or Alive Slams im Schauspielhaus. Auch Sophie Passmann, Teilnehmerin des diesjährigen Slams auf der lebenden Seite, bestätigt die Wichtigkeit der Veranstaltung für die Poetry-SlammerInnen. Zum einen preist sie das direkte Feedback des Slams, zum anderen das zielorientierte Schreiben, was im Hinblick auf einen Slam entstehe und mit dem einE PoetIn vorzeitig selten konfrontiert sei.

„Und er peitscht und er peitscht und er peitscht“

Daniel Stock erhielt für die Performance eines Ausschnittes aus „Schuld und Sühne“ 46 Punkte (höchstmögliche Punktzahl: 50). Da er die meisten Punkte für seine Mannschaft ergatterte, fochten er und Christian Ritter, der Beste aus der lebenden Mannschaft, ein zusätzliches Duell aus. Die Publikumsjury entschied sich für Daniel Stock. In dem ersten vorgetragenen Ausschnitt aus „Schuld und Sühne“ wird auf eine schonungslos grausame Art und Weise die Folterung einer Stute von einer betrunkenen und brutalen Menge beschrieben. In Daniel Stocks Zügen zuckte der Wahnsinn der dargestellten Menge, in seinen Augen spiegelte sich die Grausamkeit Mikolkas, dem Gewalttätigsten unter ihnen, wider.
Von dem jüngsten Jurymitglied, einem zehnjährigen Jungen, erhielt das Zusammenspiel von Dostojewski und Daniel Stock die niedrigste Punktzahl: 6 Punkte. Die schlechte Wertung kann dem Jungen keiner übel nehmen – welches Kind hört sich die Folterung einer armen Stute bis ins letzte Detail schon gerne an? Um extrem subjektive Beurteilungen zu vermeiden, werden beim Dead or Alive Slam die schlechteste und die beste Bewertung nicht gezählt. Trotzdem ist und bleibt das Voting der Publikumsjury immer sehr subjektiv. „Man könnte jeden Tag den gleichen Slam machen in der gleichen Stadt mit den gleichen Leuten und es würde jedesmal anders ausgehen“, konstatiert die junge Poetin Sophie Passmann.

Schuld und Sühne?   

Ein ideales Bewertungsschema, das sich jeglicher Subjektivität entzieht, ist aber nicht unbedingt erstrebenswert, denn der Slam ist ein Spiel, das unterhaltsam bleiben sollte – sowohl für das Publikum als auch für die SlammerInnen. Der vorgetragene Text der achtzehnjährigen Sophie Passmann stellt zum großen Teil eine Satire über ihre Generation dar. Oberflächlich betrachtet, kennzeichnet sie die Jugend von heute mit Klischees wie „ohne Redbull bleiben wir morgens liegen“ oder „unsere Coco Chanel ist H&M“. Aber ihre Worte bringen das Publikum nicht nur zum lachen, sondern auch zum nachdenken. „Wo sind wir daheim?“, fragt sie mit gebrochener, scheinbar hilfloser Stimme. Insbesondere bei Sophies Vortrag spürt man, dass für den Poeten und die Poetin nicht der Sieg zählt, sondern es in erster Linie darum geht, das Publikum zu berühren.