Vietnam: Chinesische Fabriken brennen – Proteste gegen Ölbohrungen
Streit ums südchinesische Meer
Flickr, domit (CC-BY-NC-SA v2.0)
Harte Arbeit: Vietnamesische ArbeiterInnen in chinesischen Fabriken. Quelle: Flickr, domit (CC-BY-NC-SA v2.0)
Harte Arbeit: Vietnamesische ArbeiterInnen in chinesischen Fabriken.

Die ganze Welt schaut auf die Ukraine, wo die Lage nach der russischen Annexion der Krim seit Wochen angespannt ist. Gleichzeitig wurden in den ostukrainischen Städten Donezk und Lugansk autonome „Volksrepubliken“ ausgerufen, nachdem dort Umfragen belegten, dass eine angebliche Mehrheit der dort lebenden Bevölkerung eine Loslösung von der Ukraine befürwortete. Angesichts dieses Konflikts tritt eine weitere aktuelle angespannte Situation in den Hintergrund: der Territorialkonflikt zwischen China und Vietnam.

Steine fliegen in den Straßen vietnamesischer Großstädte wie Ho-Chi-Minh-Stadt oder Hanoi, begleitet von wütenden Protestrufen vietnamesischer ArbeiterInnen, die gegen die chinesische Regierung protestieren. Die Wut entlädt sich, ein Funke reicht aus, um das Feuer zu entzünden: In Gewerbegebieten legen radikale vietnamesische DemonstrantInnen Feuer in Fabriken, die chinesischen Unternehmen gehören. Vereinzelt brennen auch die Gebäude südkoreanischer oder taiwanesischer Unternehmen, die von dem wütenden Mob fälschlicherweise der Volksrepublik China zugeordnet werden. Allein im Industriepark Vietnam-Singapur, einem großen Gewerbegebiet, brannten fünfzehn Fabrikgebäude in einer einzigen Nacht. Auch zwei Todesopfer haben die schweren Proteste gegen chinesische Ölbohrungen schon gefordert, sodass der vietnamesische Premierminister, Nguyen Tan Dung, sich gezwungen sah, an sein Volk zu appellieren, Leib und Leben der Mitmenschen zu schützen – gemeint waren allerdings die ausländischen InvestorInnen, die sich in Vietnam niedergelassen, Fabriken gebaut und Arbeitsplätze geschaffen haben.  

Ölbohrungen sind Anlass für Unruhen

Chinesische Ölbohrungen vor den Xisha-Inseln, einer Inselgruppe im Südchinesischen Meer, sind der Grund für die seit Jahrzehnten schwersten Unruhen in Vietnam. Diese Inselgruppe, die auch unter dem Namen Paracel-Inseln bekannt ist, liegt etwa 400 Kilometer östlich von Vietnam und etwa 300 Kilometer südlich der chinesischen Ferieninsel Hainan. So unbedeutend die kleine Inselgruppe mit ihren gerade einmal 600 EinwohnerInnen auch sein mag, so hat sie doch eine wechselvolle Geschichte hinter sich und war mal in japanischer, chinesischer, vietnamesischer – und zwischenzeitlich sogar in französischer Hand, da Vietnam zwischen 1887 und 1954 eine französische Kolonie war. Nachdem Frankreich 1954 nach dem Ende des Indochina-Kriegs seine Kolonien in Südostasien verloren hatte, wurde das Land in einen antikommunistischen Südstaat und einen kommunistischen Nordstaat geteilt und die südvietnamesischen Truppen übernahmen von den Franzosen die Kontrolle über die Paracel-Inseln, bis China die vietnamesische Armee von dort vertrieb und seinen Anspruch auf die Inseln wieder durchsetzte.

Nun will die chinesische Regierung vor den Inseln eine Ölplattform errichten. Diese soll die leistungsstärkste Bohrinsel sein, die das Land bis jetzt gesehen hat – und ihre Lage, knapp 130 Seemeilen vor der vietnamesischen Küste, wird von Vietnam als ein Eindringen in vietnamesisches Gewässer aufgefasst. Die vietnamesische Regierung schickte Schiffe in die Nähe der Bohrinsel, um die Lage zu untersuchen. Dort kam es zur Eskalation der Aktion: Während die vietnamesische Regierung behauptet, ihre Schiffe seien von chinesischen Schiffen angegriffen worden, behauptet China, der Angriff sei von vietnamesischer Seite ausgegangen.

Schon in der Vergangenheit wurden immer wieder chinesische oder vietnamesische FischerInnen vor den Inseln festgenommen – immer mit der Behauptung, sie würden unerlaubterweise im Gewässer des jeweils anderen Landes fischen.

Überall Territorialkonflikte

Vietnam ist nicht das einzige Land, das Territorialkonflikte mit China hat: Das bevölkerungsreichste Land der Erde versucht im gesamten Südchinesischen Meer Besitzansprüche durchzusetzen, etwa auf eine Inselgruppe, die zwischen China und Japan liegt und auf Chinesisch Diaoyu und auf Japanisch Senkaku heißt. Hier wohnt niemand – aber dennoch streiten sich China und Japan seit Jahren um die Vorherrschaft über die Inselgruppe, die aktuell zu Japan gehört. Erst Ende 2013 spitzte sich die Situation auf den Senkaku-Inseln wieder zu, als China eine sogenannte „Luftraumüberwachungszone“ über den umstrittenen Inseln einrichtete. Nach dieser Regelung müsste fortan jedes Flugzeug, das die Inseln überfliegen will, dies erst bei der chinesischen Luftfahrtbehörde anmelden. Obwohl dies in Japan als direkte Provokation aufgefasst wird und auch der US-amerikanische Außenminister John Kerry die chinesische Regierung davor gewarnt hat, ihre Nachbarstaaten weiter zu provozieren, gibt China nicht nach: Der chinesische Außenminister Wang Yi sieht „keinen Raum für Kompromisse“, wie er auf dem letzten Nationalkongress im März 2014 erklärte. Pikanterweise dehnt sich die Luftraumüberwachungszone auch auf den Socotra-Felsen aus, wodurch sich ein weiterer Konflikt auftut: Dieser Felsen, auf dem seit 1995 lediglich eine südkoreanische Forschungsstation steht, wird sowohl von China als auch von Südkorea beansprucht – und Südkorea überlegt nun, seine eigene Luftraumüberwachungszone ebenfalls auf das Gebiet um den Felsen auszudehnen.

Aber zurück zu Vietnam: Die Tatsache, dass sich die Wut der vietnamesischen Bevölkerung nun an den Fabriken chinesischer InvestorInnen entlädt und der vietnamesische Premierminister vor allem um diese Investitionen besorgt zu sein scheint, offenbart die wirtschaftliche Abhängigkeit des Landes. Schaut man genauer hin, erkennt man auch die Gründe dafür: Das Durchschnittsalter der VietnamesInnen beträgt 27,8 Jahre (Deutschland: 43,7 Jahre), bei einem so jungen Land mit etwa 91 Millionen EinwohnerInnen werden Arbeitsplätze händeringend gesucht, zumal die geringen Lohnkosten ein eindeutiger Standortvorteil für die vietnamesische Industrie sind: Das Durchschnittseinkommen der VietnamesInnen liegt bei gerade einmal 105 US-Dollar pro Monat. Das zieht vor allem chinesische Unternehmen an: Schätzungen zufolge haben chinesische InvestorInnen insgesamt 7,8 Milliarden US-Dollar in 1008 Projekte in Vietnam investiert. Eine Beziehung zwischen zwei Ländern also, von der letztendlich auch China profitiert. Nun scheint der chinesischen Regierung die Suche nach Rohstoffen wichtiger geworden zu sein als die guten wirtschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarn in Südostasien.
 

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