Deutsche Polesportmeisterschaft in Bochum räumte mit Vorurteilen auf
Stangentanz professionell ist Stangensport
Foto: A. J. Schaefer
Höhenangst unerwünscht: PolesportlerInnen müssen die ganze Stange nutzen. Foto: A. J. Schaefer
Höhenangst unerwünscht: PolesportlerInnen müssen die ganze Stange nutzen.

Entscheidend sind Kraft, Ausdauer und Eleganz. Es wirkt wie eine Mischung aus Akrobatik, Gymnastik und Athletik. Und die zwölf besten Athletinnen und Athleten reisen zur Weltmeisterschaft nach London. Die Rede ist von der Poledance-Meisterschaft.

Genauer – oder auch allgemeiner – heißt das Turnier 1. Deutsche Polesport-Meisterschaft und fand am 9. Juni im Varieté et Cetera in Bochum statt. Polesport ist der Oberbegriff für Poledance und Polefitness, erklärt Organisatorin Vivien Feld, die in ihren drei Tanzschulen im Ruhrgebiet auch Poledance-Kurse anbietet. „Die Unterschiede sind sehr fein, ein Laie würde sie wohl kaum bemerken.“

Was jemand, der/die sich nicht mit der Materie auskennt, bei der Meisterschaft aber direkt merkt, ist, dass der Sport mit dem Rotlichtmilieu nichts zu tun hat. Der Austragungsort, das etablierte Varieté in Bochum-Riemke, strahlt Offenheit, aber auch Eleganz aus, der Turnieraufbau und die Regeln ein hohes Maß an Professionalität und die Athletinnen und die beiden Athleten beeindrucken mit unglaublichen Figuren, die KunstturnerInnen neidisch machen könnten.

Punkte für Leistung, nicht Dollars für Brüste

Wenn eine Sportlerin zwei Meter über dem Boden ihre Körperspannung und ihre Dehnbarkeit demonstriert und sich dabei nur mit einer Armbeuge an einer rotierenden Stange festhält, ist das eindrucksvoll – und kann durchaus erotisch wirken. In der Tabledancebar würde sie dafür vielleicht einen anerkennenden Blick erhalten, aber keinen müden Dollar. Dort geht es um Aussehen und Interaktion mit den KundInnen.

Für Anna Weirich, die schon an internationalen Meisterschaften in Brasilien und Tschechien teilgenommen und an diesem Tag in Bochum den dritten Platz in der höchsten Kategorie „Elite Seniors Women“ (höchste Kategorie für Frauen von 18-40 Jahren) belegt hat, gibt es zwei Ansätze im Polesport: „Man kann an der Stange athletisch-sportlich oder elegant-ästhetisch performen.“ Gegen eine gewisse Erotik im Sport hat sie nichts einzuwenden; so seien lateinamerikanische Tänze etwa auch sehr hüftbetont. „Solange nichts ausgezogen wird, ist alles in Ordnung“, lacht sie. Ausschlaggebend ist die Erotik bei diesem Turnier allerdings nicht.

Über die Platzierung entscheidet eine fünfköpfige erfahrene Jury aus ganz Europa. Jede Jurorin hat einen eigenen Fachbereich. Die Pflichtrichterin vergibt Punkte für die zuvor eingereichten Pflicht-Figuren; daneben gibt es auch die Bonuspunktrichterin, die Bonuspunkte etwa für besonders gelungene „drops“, also knapp über dem Boden abgefangenen freien Fall an der Stange, vergibt. Die Art-und-Choreo-Richterin bewertet alles, was sich abseits der Stange abspielt, also die tanz- und akrobatik-geprägten Wechsel zwischen den Stangen (einer starren und einer, die sich um ihre eigene Achse dreht) sowie die Musik und die Kostüme; auch, ob beides harmoniert. Zu düster-dynamischen Filmmusik-ähnlichen Klängen passt kein farbenfrohes Paradiesvogelkleidchen. Und selbstredend muss die Musik Tempo, Figuren und Ausdruck der Performance entsprechen.

Wer mit Pobacken überzeugen will, fliegt raus

Passen muss das Kostüm auch zum internationalen Regelwerk – wessen Höschen zu knapp ausfällt, kriegt Punktabzug oder wird gar disqualifiziert. Die Vielfalt der Kostüme reicht dabei von enger Gymnastik-Kleidung bis zu Eiskunstlauf-inspirierten Outfits. Beim Eiskunstlauf, beim Beachvolleyball, in der rhythmischen Sportgymnastik tragen die SportlerInnen genauso wenig oder sogar weniger als im Polesport.

Wer kann angesichts all dieser Argumente noch behaupten, beim Polesport handele es sich nicht um einen ernsthaften Sport?

Spagat am Boden ist langweilig. Foto: A. J. Schaefer
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Höhenangst unerwünscht: PolesportlerInnen müssen die ganze Stange nutzen. Foto: A. J. Schaefer
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