Essay: Ein Tag als Prisma der deutschen Geschichte
Remember, remember the ninth of November
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Am 9. November 1848: Die Hinrichtung des Revolutionärs Robert Blum, hier auf einem Gemälde von Carl Steffeck. Foto-Quelle: Wikimedia Commons
Am 9. November 1848: Die Hinrichtung des Revolutionärs Robert Blum, hier auf einem Gemälde von Carl Steffeck.

In Deutschland ist der 3. Oktober als „Tag der Deutschen Einheit“ der gesetzliche Nationalfeiertag. Eine bessere Alternative für die Erinnerungskultur wäre stattdessen jedoch der 9. November, der Tag des Mauerfalls. Und zwar nicht einfach trotz der negativen Ereignisse, die ebenfalls auf dieses Datum fallen – wie die Reichspogromnacht 1938 –, sondern gerade auch wegen ihnen, als Tag der kritischen Reflexion über die deutsche Geschichte.

Am 9. November 1848 wurde der demokratische Revolutionär Robert Blum von einem Erschießungskommando hingerichtet. Zuvor hatte er sich am Wiener Oktoberaufstand beteiligt, der den Unabhängigkeitskrieg Ungarns gegen Österreich unterstützte. Der Publizist und Politiker Blum war ein einflussreicher linker Abgeordneter des ersten gesamtdeutschen Parlaments, der Frankfurter Nationalversammlung, außerdem ein Gegner des religiösen Dogmatismus, Befürworter der Gleichberechtigung der Frau und Unterstützer der Unabhängigkeit Polens. Sein Tod gilt als Symbol für das tragische Scheitern der Deutschen Revolution 1848/1849.

Monarchie, Republik, Tyrannei

Statt durch Demokratie und Liberalismus wurde Deutschland dann später 1871 auf machiavellistisch-autoritäre Weise durch Bismarck vereint. Die Herrschaft der preußischen Monarchie endete am 9. November 1918, im Zuge der Novemberrevolution. Doch während Könige und Kaiser in Deutschland fortan gebannt blieben, scheiterten die sozialistischen Kräfte jener Revolution – und wurden 1919 von Freikorps und Reichswehr gewaltsam zerschlagen.

Dennoch hätte die Weimarer Republik eine positive Zukunft haben können. Als die Putschisten Hitler und Ludendorff am 9. November 1923 in München mit ihren Anhängern auf die Feldherrenhalle marschierten, endeten ihre Pläne im Kugelhagel der Polizei. Dass Hitler dies überlebte, um später eine totalitäre Diktatur zu errichten, ist ein weiteres Unglück der deutschen Geschichte, das mit diesem Tag verknüpft ist.

Der 9. November 1938 schließlich ist das Datum der antisemitischen Reichspogromnacht. Deutschlandweit brannten die Synagogen. Zudem wurden tausende Geschäfte und Wohnungen von den Schergen des NS-Regimes verwüstet und geplündert. Die folgende Deportation von etwa 30.000 jüdischen Menschen in Konzentrationslager war ein Vorbote des Holocausts.

Kritische Skepsis

Diesen überwiegend düsteren Ereignissen steht der 9. November 1989 als Tag des Mauerfalls gegenüber. Zehntausende DDR-BürgerInnen erhielten endlich die ersehnte Möglichkeit zur Ausreise aus dem SED-Staat. Anstatt der knapp ein Jahr später erfolgten staatlichen Vereinigung mit der BRD hatten sich viele Menschen im Osten jedoch eine radikale Erneuerung ihres eigenen Staates gewünscht, in Richtung eines freiheitlichen und tatsächlich demokratischen Sozialismus.

Ob die deutsche Wiedervereinigung dann als historische Chance gut genutzt worden ist, wäre Inhalt eines weiteren (pessimistischen) Essays. Es dürfte jedoch deutlich geworden sein, dass der 9. November eine gute Ausgangsbasis darstellt, um die Essenz der modernen deutschen Geschichte zu erfassen.

:Gastautor Patrick Henkelmann

 

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