Die Anzahl freier Intensivbetten gibt kein Aufschluss auf Kapazitäten der Krankenhäuser
Probleme eines Gesundheitssystems
Bild:kiki
Krankenhäuser: Viele Herausforderungen, viele Probleme

Personalmangel. Deutschland hat im europäischen Vergleich relativ viele Intensivbetten. Warum das alleine aber nicht ausreicht, um Kliniken vor Überlastung zu schützen und warum man sich auf diesen Zahlen nicht ausruhen sollte, erfahrt ihr jetzt. 

 

Im Verlaufe der durch Covid-19 verursachten Pandemie wurden immer größer werdende Probleme verschiedener Gesundheitssysteme offengelegt, auch in Deutschland. Immer wieder wird betont, wie viele Intensivbetten noch frei seien und wie viel mehr dies im europäischen Vergleich sei. Doch überlastete Krankenhäuser in anderen Ländern weisen weitere Mängel auf, die auch in Deutschland vermehrt auffallen. Die Situationen Anfang des Jahres in Italien, vor einigen Wochen in Belgien und seit Neustem in der Schweiz sind Belege dafür, dass ein Mangel an Intensivbetten zu großen Problemen führen kann. Was oft übersehen wird, wenn über Überlastungen berichtet wird, ist, dass das Pflegepersonal fehlt, um Patient:innen angemessen zu behandeln. Vor allem in Deutschland ist dies ein besonders großes Problem: Derzeit müssen durchschnittlich 13 Patient:innen von einem:einer Pfleger:in betreut werden. Damit liegen wir im europäischen Vergleich „vorne“ – zum Vergleich sind es nur 5,3 Patient:innen auf einen:eine Pfleger:in in den USA. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit sollten maximal 10 Patient:innen von einem:einer Pfleger:in behandelt werden – auf Intensivstationen eigentlich sogar nur 2,5 Patient:innen. Die Pflege befindet sich also bereits jetzt schon über der von der Bundesregierung angesetzten Grenze. Im Falle steigender Fallzahlen, größeren Auslastungen der Intensivstationen und vermehrten Ausfällen von Personal, ist die Anzahl der Intensivbetten kein wirklich relevanter Faktor, der beachtet werden muss bei der Versorgung der Patient:innen. Ein viel wichtigerer Faktor ist die Versorgung dieser Patient:innen durch Pflegepersonal, das jetzt schon unterbesetzt beziehungsweise ausgelastet ist. Die Lösung dieses Problems sieht momentan die Erhöhung der Arbeitsstunden von Pflegepersonal vor. Derzeit dürfen im Schnitt Pfleger:innen nicht mehr als acht Stunden pro Werktag arbeiten, was auf zehn Stunden erhöht werden kann, wenn innerhalb von sechs Monaten dieser Schnitt nicht überschritten wird. Die Überlegung des Uniklinikums Essen ist nun eine 12,5-Stunden-Schicht einzuführen, was jedoch von der Gewerkschaft ver.di als gesundheitsschädigend bewertet wird. Eine schnelle Lösung des Problems scheint also nur darin zu liegen, Klinikpersonal noch mehr auszulasten, was nicht sein kann. Es sollte eine vorausschauende Lösung für Pflegeberufe her, die vorsieht, den Beruf attraktiv für Auszubildende zu gestalten. Bereits 2011 gaben 79 Prozent der befragten Unternehmen an, dass es eher schwer bis sehr schwer sei, ausreichend qualifiziertes Pflegepersonal zu finden. So sind die derzeitigen Engpässe in Kliniken kein direktes Resultat der Corona-Krise. Vielmehr verweist diese Krise auf die seit längerem existierenden Missstände innerhalb deutscher Kliniken. Es bleibt abzuwarten, wie die zweite Welle von Covid-19 verlaufen wird. Was aber eingefordert werden muss, ist die Ausarbeitung besserer Arbeitsbedingungen für Klinikpersonal. Nur so kann ein Sozialstaat die gleiche Verpflegung aller Bürger:innen garantieren und ein funktionierendes Gesundheitssystem vorweisen.
                                                 

:Gerit Höller