„Kampfzone Popkultur“ im KuCaf
Pop, Party, Protest
Illustration: Indra Handik
Nur Trend oder auch Widerstand? Veranstaltung über die Kampfzone Popkultur. Illustration: Indra Handik
Nur Trend oder auch Widerstand? Veranstaltung über die Kampfzone Popkultur.

Wir wollen Bullenwagen klauen und Adorno rezitieren: Denn der Kulturindustrie-These des marxistischen Philosophen zufolge gibt es eigentlich kein Entrinnen vor dem Kapitalismus. Der Frage nach Widerstand in der kulturindustriellen Totalität widmeten sich daher die beiden Geisteswissenschaftler Kyrosch Alidusti und Philipp Adamik bei der Veranstaltung „Kampfzone Popkultur“ (Auszug aus dem Vortrag siehe unten) und hinterfragten „popkulturelle (politische) Identität“ im KulturCafé.

„Woher kommt so was wie das Subjekt?“, fragt  Alidusti. Denn angesichts des „Verblendungszusammenhangs“, wie Adorno die ideologische Struktur des Kapitalismus beschrieb, bleibt eine Subjektwerdung meist aus. Nur durch den Widerstand, durch kritische Distanz zum System sei eine „individuelle gesellschaftliche Emanzipation“ möglich. Dafür stehe schon die Kritische Theorie selbst: „Denkerisches Auseinandersetzen mit der Welt ist bereits Praxis“, so Alidusti.

Die Zeiten, in denen man Pop noch mit rebellischem Geist verband, sind dagegen eigentlich vorbei. Doch für Phillipp Adamik steckt in Popsongs noch eine Menge Protestpotential. Das erläutert er in seinem Vortrag unter anderem am Beispiel des letzten Euromayday in Dortmund, bei dem die Popkultur ein Faktor ist, der die Menschen auf die Straße lockt. Den Soundtrack dazu leisten Bands wie „Ja, Panik“. Kostprobe? „Hier kommt die Party nach der Party ... dance the ECB, swing die Staatsfinanzen, sing ihnen ihre Melodien, zwing sie zum Tanzen.“ Ob Adorno auch das Tanzbein geschwungen hätte?

:bent

Kritik, Popkultur, Protest und Praxis (Auszug aus dem Vortragsteil von Philipp Adamik)

Als Kern politischen Protests betrachte ich die Kritik: Nach Foucault liegt das Wesen der Kritik in dem Umstand, dass sie „nur im Verhältnis zu etwas anderem als sie selbst“ (Foucault 1978, S. 8) existiert. Dieses Wesen der Kritik lässt sich auch unschwer in der Euromayday-Parade wiederfinden. Dies wird nicht nur im Ursprung des Protests deutlich, sondern auch in der Aussage der politischen Aktivistin und Mitorganisatorin Regine Beyß:

„Unser Ziel war es, auf die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse hinzuweisen, die der Kapitalismus in Deutschland und Europa schafft. […] Wichtig war uns, nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu zeigen, welche Alternativen es gibt, die auch schon umgesetzt werden.“

Der Euromayday war eine Form der Kritik an den – durch den Kapitalismus geschaffenen – prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen in Deutschland und Europa. Gleichzeitig reicht er aber über Foucaults Verständnis der Kritik hinaus. Nach Foucault ist Kritik ein „Instrument, Mittel zu einer Zukunft oder zu einer Wahrheit, die sie weder kennen noch sein wird, sie ist ein Blick auf einen Bereich, in dem sie als Polizei auftreten will, nicht aber ihr Gesetz durchsetzen kann“ (Foucault 1978, S. 9f).

Der Euromayday-Protest kennt aber seine Zukunft, auf die er hinarbeitet. Er sieht sie u. a. in einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, in einer gelebten weltweiten Solidarität und, recht konkret, in einem bedingungslosen Grundeinkommen. Foucaults Vorstellung von Kritik paarte sich im Protest mit einem politischen Gestaltungswillen, der in der Darstellung konkreter Alternativen, wie dem Nordpol in der Dortmunder Nordstadt, mündete. Dennoch, und da ist der Protest wieder auf dem Niveau der Kritik bei Foucault angekommen, unterscheidet sich die Parade in vielen Punkten von der geforderten Umwelt. So wurden zum Beispiel selbstverständlich auch während der Parade keine Nazis auf den Mond geschossen. Aber in einem Punkt konnte der Protest eines seiner Ziele, zumindest für seine Dauer, auf dem recht kleinen Dortmunder Nordmarkt tatsächlich realisieren: Wie in meinem Bericht erwähnt, fand die Protestveranstaltung sehr viel Anklang bei der, zu einem hohen Anteil migrantisch geprägten, Wohnbevölkerung der Dortmunder Nordstadt. 62,5 % der Menschen dort haben einen Migrationshintergrund. Damit unterschied sich das Bild der DemonstrantInnen deutlich von dem des etwas älteren, weißen und gut gebildeten männlichen Bürgers, der, laut Franz Walters Studie Die neue Macht der Bürger, ansonsten die Protestlandschaft in Deutschland prägt (vgl. Walter 2013, S. 301ff). Indem auf dem Dortmunder Nordmarkt Deutsche und MigrantInnen miteinander tanzten und feierten, sich aber auch informierten und demonstrierten, gelang es während der Parade der Forderung nach einer weltweit gelebten Solidarität tatsächlich einen kleinen Raum zu geben. Im Sinne Michael Hardts kann man dieses Zusammenkommen als eine Form der affektiven Arbeit, als die Herstellung von zwischenmenschlichen Kontakten und Interaktionen ansehen. Neben der geschickten Wahl des Ortes der Abschlusskundgebung ist dabei wohl auch der Einsatz von Musik – als eine Ausprägung von Popkultur – ein wichtiges Element dieser affektiven Arbeit. Dazu die Aktivistin Regine Beyß:

„Zum einen war Popkultur ein Element, das die Menschen motivieren sollte, zur Demo zu kommen. Es sollte Spaß machen, sich zu beteiligen, weil es die Möglichkeit zum Tanzen und Feiern gab. Zum anderen ging es darum, neben den recht negativen Themen ein positives Gefühl von Gemeinschaft und Freude zu entwickeln. Statt nur zu klagen und anzuprangern, sollte die Wut über die herrschenden Verhältnisse weggetanzt und in positive Energie verwandelt werden.“

Popkultur, in ihrer Ausprägung als Musik, scheint hier aber selbst nicht politisch zu sein. Sie dient, wie zum Beispiel bei dem Deutschlandfest der SPD (vgl. Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 2013), als unpolitischer Motivator zur Teilnahme an einer politischen Veranstaltung. Allerdings wird man mit dieser Sichtweise dem Charakter, den Popkultur bei der Veranstaltung gespielt hat, nicht ganz gerecht. In Regine Beyß Aussage, „zum anderen ging es darum, neben den recht negativen Themen ein positives Gefühl von Gemeinschaft und Freude zu entwickeln“, steckt wesentlich mehr kritisches Potential als es eine Interpretation von populärer Musik als Motivation für eine Auseinandersetzung und willkommener Ablenkung von den schwierigen und ernsten politischen Themen vermuten lässt. Setzt man die popkulturelle Praxis des Tanzen und Feierns zur Musik in Relation zum Hauptthema des Protests, den prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen, dann drückt sich in dieser Praxis auch Protest gegen und die kurzzeitige gemeinsame Flucht aus der prekären Lebens- und Arbeitswelt aus. Aber ist dies ein Verdienst der Popkultur? Regine Beyß sieht dies skeptisch:

„Das enorme Potenzial der Popkultur liegt in der großen Zahl der Menschen, die darüber erreicht werden können. Das kann einerseits gefährlich sein, andererseits bietet es eine Chance. Allerdings ist es schwer, für Meinungen jenseits des Mainstreams, sich durchzusetzen. Wenn z. B. eine Subkultur zur Popkultur wird, verliert sie oft ihren grundlegenden (vielleicht auch politischen) Charakter. Ich denke schon, dass Popkultur in Ausnahmefällen politisch sein kann, aber dann muss sie speziell dafür eingesetzt werden, wie z. B. beim Euromayday. In der Regel halte ich sie für unpolitisch, was wiederum auch eine Aussage ist: Was kümmert mich die Politik – solange ich einkaufen, konsumieren und Spaß haben kann?“

:Gastautor Philipp Adamik

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