Im drei Kontinente verbindenden Reich lebten nicht nur TürkInnen
Osmanische Pluralität versus türkischer Nationalismus
Das Jahr 1922 brachte der Türkei ihre nationale Souveränität – und besiegelte das Ende des gleichberechtigten Zusammenlebens in einem Vielvölkerstaat.
Das Jahr 1922 brachte der Türkei ihre nationale Souveränität – und besiegelte das Ende des gleichberechtigten Zusammenlebens in einem Vielvölkerstaat.

Essay. Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat und profitierte seit dem ausgehenden Mittelalter von Einwanderung. Die damit verbundene Offenheit gegenüber Minderheiten wird bei der aktuell von Erdoğan betriebenen Rückbesinnung aufs Osmanische gerne vergessen. 

Letztes Jahr fand bei der Feier zum 78. Todestag von Landesvater Mustafa Kemal Atatürk ein rhetorischer Rückbezug des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf das Osmanische Reich statt. Man will an dessen alte Stärke und auch Größe – denn 783.000 km² Türkei reichen ja nicht ... – anknüpfen. Ironie pur, solch eine Aussage ausgerechnet auf der Feier zu Ehren des Erbauers der heutigen Türkei zu tätigen. Eine essenzielle Eigenschaft des Osmanischen Reiches wird aber auch durch die heutige türkische Regierung weder weitergepflegt noch gepriesen: Die ethnisch und religiös plurale und auch als plural verstandene und akzeptierte Gesellschaft. Hier springt Erdoğan stattdessen selbst wieder auf den türkisch-nationalistischen Kemalismus-Zug auf.

Anders als im 20. und 21. Jahrhundert konnten sich viele Minderheiten im Osmanischen Reich eingeschränkt selbst verwalten. Das sogenannte Millet-System ermöglichte den orthodoxen und armenischen ChristInnen sowie den Jüdinnen und Juden diese Selbstverwaltung im Bereich der Bildung und der gruppeninternen Rechtsprechung und Besteuerung. Wenngleich die NichtmuslimInnen (bis zu den Tanzimat-Reformen im 19. Jahrhundert) gesellschaftlich nicht gleichberechtigt waren.

Die KurdInnen hatten im Osmanischen Reich ein hohes Maß an regionaler Autonomie, da ihre Führungsschicht in den feudalen Rahmen der osmanischen Verwaltung integriert wurde. Im Türkischen Befreiungskrieg (1919-1923) kämpften deswegen viele Kurden auf der Seite Atatürks für einen neuen türkischen Staat – und damit indirekt gegen einen eigenen, kurdischen. Die anschließende Aufhebung der kurdischen Selbstverwaltung führte in den 20er und 30er Jahren jedoch zu zahlreichen Aufständen, die von der Türkei mit Gewalt niedergeschlagen wurden. Es folgten Maßnahmen zur Zwangsassimilation der KurdInnen, einschließlich des Verbots ihrer Sprache.

Fortschritt durch Migration

Einwanderung führte im Osmanischen Reich wiederholt zu einem Austausch von Ideen, Technik und Wissen. Ein prägnantes Beispiel ist die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Spanien. Mit der Unterzeichnung des Alhambra- Edikts verwies das spanische Königspaar 1492 alle Jüdinnen und Juden aus seinem Reich, sollten sie nicht zum Christentum konvertieren. Einige tausend Kilometer östlich nahm Sultan Bayezid II. den Großteil ebendieser Vertriebenen in seinem Reich auf. Das hatte vor allem für die wirtschaftliche Entwicklung der osmanischen Gesellschaft positive Folgen, welche seitens der Herrschenden eher vernachlässigt worden war.

Offenheit passé?

Im Gegensatz zur mehr als 600-jährigen Zeitspanne des Osmanischen Reiches, werden Minderheiten in der Türkei bis heute generell wenig anerkannt und kaum in ihrer Selbstverwaltung gefördert. Die einstige Offenheit eines multireligiösen Vielvölkerreiches – dessen mythisches Erbe nun wieder propagiert wird – wird durch die Weiterführung einer nationalistischen Geisteshaltung ad absurdum geführt.

:Andrea Lorenz und :Gastautor Patrick Henkelmann
 
Co-Autor(in):