Essay: Zum Todestag von Roger Willemsen
Nein Danke, ich will alles!
Starterpack Selbsterkenntnis: Wer bin ich? Wo will ich hin? Diese und viele weitere Fragen beantworten andere für Sie.
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Essay: Generation Y, Generation Z, Generation Snowflake, Generation soundso: Scheinbar ist jede Jugend auf der ständigen Suche nach Labels und Identität. Der Schriftsteller Roger Willemsen warf all das über den Haufen, um in einer Ansprache zu fragen „wer wir waren“.

Am 7. Februar jährte sich sein Todestag. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt formulierte Roger Willemsen seine Beobachtungen und Bedenken gegenüber einer … ja was eigentlich? Einer Jugend? Einer Gesellschaft? Einem „Wir“? Oft meint dieses „Wir“ weiße, privilegierte Männer mit Zugang zu Bildung. Oft meint dieses „Wir“ gesunde Menschen, die zu einem funktionierenden Miteinander beitragen. Oft meint dieses „Wir“ eine identitätslose Masse hyperindividualisierter Sonderlinge, die mit ihren multiplen Abspaltungen Chöre bilden und diffuse Signale senden. Aber die Auflösung, wer „wir“ sind, bleibt letztlich immer auf der Kehrseite der Medaille. Wir wenden sie und lesen Begriffe, die uns irgendwie bekannt vorkommen: Selbst(v)erkennung, das Nichts und die Liebe, Rebellion und Freiheit. 

Alles ungenau, nichts echt.

 „Ich könnte ja nicht auf die Bühne gehen und denken ‚Oh Gott, jetzt muss ich wieder den Gockel machen‘ – na – ich bin ein Gockel. Und wenn ich da raufgehe, bin ich in meinem Element und das hat Jahre gebraucht, mich in diese Natürlichkeit zu bringen“ (Maurice Ernst, Sänger der Band Bilderbuch). Seht uns an: mit aufgestelltem Pfauenkamm. Hä, was denn nun, Gockel oder Pfau? Ist eigentlich egal, solange man die antrainierte Natürlichkeit bewahrt und sich in seiner Rolle gefällt. Authentizität ist die Worthülse des Jahres und Roger Willemsen liegt richtig: das „Lieblingswort der jungen Generation“ ist ‚echt’. Gemeint als Gegenfrage zur Vergewisserung. ECHT?! Nein, nicht echt – wir handhaben dieses Wort so inflationär, dass die Echtheit ihren Wert verliert und … genau. Neuer Trend im Sprachduktus ist die willkürliche Zäsur: Genau. Redende starren für eine Sekunde in die Leere, resümieren das Gesagte und bestätigen die eigene Aussage. Genau. Es sind Phrasen der Unsicherheit und Desorientierung – der Versuch, gesellschaftliche Defizite mit sprachlichen Mitteln zu kompensieren. 

Hallo Neo-Nihilismus

Die Entwicklung hat uns überholt. Der Fortschritt ist dem zutiefst verunsicherten Menschen voraus. Einerseits können „wir“ alles essen, alles trinken und das auch alles bis 24 Uhr kaufen. Aber jetzt gibt es Vegetarismus, Veganismus und Nachhaltigkeit. Belächelt man VegetarierInnen halt, nennt sie Gutmenschen. Zumindest haben „wir“ Presse- und Meinungsfreiheit. Aber was?! Jetzt darf man „schwul“ und „behindert“ nicht mehr als Negativ-Attribute verwenden. Ach diese Gutmenschen, diese Gedankenpolizei. So überholen wir uns gegenseitig und wissen doch nicht mehr so recht, was wir dürfen, geschweige denn, was wir wollen. Der Hedonismus ist tot, es lebe der Hedonismus! Also alles aufsaugen, was geht. Die Kehrseite der Medaille: Nihilismus bedeutet, den schier endlosen Strom von Informationen, Trends und Konnotationen aufzunehmen. HipsterInnen sind Retro, die Filmwissenschaft spricht vom Hyperrealismus und Cloud Rap und Bilderbuch verleihen einer Jugend die von Autotune verzerrte Stimme, die sagt: „Baby, ich will alles, yeah.“ Wie Sinklöcher nehmen wir all die Impulse und Eindrücke auf, bis wir innehalten und zusammenfassen müssen. Genau. Apathie ist der neue Endzustand. Echt?! Ja, genau. 

:Marcus Boxler