Mehrsprachigkeit spaltet die Gesellschaft in BefürworterInnen und GegnerInnen
Mit Vorurteilen aufräumen
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Weiß aus Erfahrung, wovon sie spricht: Prof. Barbara Mertins beherrscht selbst sieben Sprachen. Foto: lor
Weiß aus Erfahrung, wovon sie spricht: Prof. Barbara Mertins beherrscht selbst sieben Sprachen.

Was ist eigentlich Mehrsprachigkeit? Wenn Mensch zwei Sprachen fließend spricht, wie das Oxford Dictionary vorschlägt? Allerdings stellt sich da auch schon die Frage: Was bedeutet „fließend“? 

Mit diesen Basisfragen startete die Ringvorlesung „Mehrsprachigkeit: Mythen, Vorurteile und Chancen“ vergangenen Donnerstag im Dortmunder U in die erste von sechs Vorlesungen. Initiiert wurde diese Kooperation zwischen der TU Dortmund und der Bochumer RUB über das Zentrum Mehrsprachigkeit, in dessen Rahmen Forschende der Unis in Dortmund, Duisburg-Essen und Bochum interdisziplinär Mehrsprachigkeit untersuchen. Alle zwei Wochen betrachten abwechselnd im Dortmunder U und im Bochumer Blue Square sechs 

ForscherInnen unterschiedliche Teilaspekte der Thematik. 

Von der RUB dabei sind Dr. Tanja Anstatt, Professorin für slavische Linguistik sowie Prof. Eva Belke vom Sprachwissenschaftlichen Institut, von Dortmunder Seite die Professorin der Anglistik Patricia Ronan und Barbara Mertins, Professorin für Linguistik des Deutschen. 

Per definitionem?

Die Botschaft der Auftaktveranstaltung von Prof. Barbara Mertins: Mehrsprachigkeit ist kein Nachteil und bietet viele Chancen. Im Hinblick auf die eingangs gestellten Fragen macht die mehrsprachige Dortmunderin klar: Es gibt nicht eine Definition von Mehrsprachigkeit. Es kann aber grob gesagt werden, dass der- oder diejenige bilingual ist, der/die mehrere Sprachen auf einem sehr hohen Niveau in mindestens zwei der vier möglichen Modalitäten – Sprechen, Lesen, Schreiben, Verstehen – beherrscht. 

Das Switchen zwischen den Sprachen im Alltag wirkt sich positiv kognitiv und neuronal aus: Neben einer erhöhten Plastizität des Gehirns fällt es Mehrsprachigen leichter, neue Sprachen zu lernen, da die bereits vorhandenen Strukturen und Lernstrategien auf die neue Sprache angewandt werden können. Die 

Fähigkeit des schnellen Wechsels in der Benutzung mehrerer Sprachen – Code Switching – kann auch auf nicht-sprachliche Situationen, zum Beispiel Mathematik, übertragen werden. Auf sozialer Ebene konnte sogar festgestellt werden, dass Kinder, die aus sozialökonomisch schwachen Familien stammen, ihre Defizite auf neuronaler Ebene durch ein bilinguales Aufwachsen wettmachen können. 

Gesellschaftliche Chancen 

Da 20 Prozent der in Deutschland lebenden Personen mehrsprachig sind – Tendenz steigend –ist eine Diskussion über die Sinnigkeit von Bilingualität obsolet. Bis in die Gesellschaft sind die Erkenntnisse über die Vorteile nicht vorgedrungen. Mertins macht dafür vor allem die fehlende Brücke zwischen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft verantwortlich: „Eine Aufklärung in dieser Sache kann nur in einer Interaktion zwischen Wissenschaft – Gesellschaft – Bildungsinstanzen/Politik erfolgen. Die Vorurteile werden ja vorrangig durch die Medien und den politischen Diskurs nur erhärtet.“ 

Konkret für das Bildungswesen bedeutet das: Wertschätzung von MigrantInnensprachen wie Türkisch oder Russisch und frühe Förderung der Sprachfähigkeiten in Kindergärten und -tagesstätten. 

Die nächste Vorlesung findet statt am 18. Mai um 18 Uhr im Blue Square. Dann geht es um die Frage: „Woher kommt das richtige Wort zur richtigen Zeit in der richtigen Sprache?“. Der Eintritt ist frei.

 

:Andrea Lorenz

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