Wieso? Weshalb? Warum?
Maidemonstration
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Symbolbild

Der Tag der Arbeit. Einer der wichtigsten Tage der Arbeiter:innenbewegung ist der 1. Mai. Auch faschistische Kräfte versuchten und versuchen ihn zu vereinnahmen, während Konflikte zwischen bürgerlichen und linken Gruppen oft um diesen Tag herum eskalieren.  

Der 1. Mai hat in seiner mittlerweile 125-jährigen Geschichte als wichtiger Tag der Arbeiter:innenbewegung zwischen Instrumentalisierung und Klassenkampf einige Veränderungen und Entwicklungen durchgemacht. Der Haymarket Riot im Jahr 1886 war ein mehrtägiger Streik in Chicago, dessen Ziel die Durchsetzung des Achtstundentages war. Gewaltsame Übergriffe der Polizei auf die Versammlungen am 3. Mai und ein ungeklärter Bombenanschlag am folgenden Tag führten zu vielen Toten. Infolge dieser Ereignisse wurde im Jahr 1889 auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale der 1. Mai als Gedenktag für die Opfer ausgerufen und im Folgejahr fanden weltweit Streiks und Demonstrationen statt. 1919 gab es den ersten Versuch, den Tag zu einem gesetzlichen Feiertag in der Weimarer Republik zu machen, was an den rechten Parteien und Unstimmigkeiten zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten sowie Kommunisten scheiterte. Zehn Jahre später ging die Polizei hart gegen von der KPD organisierte
Demonstrationen am 1. Mai vor, wodurch in den folgenden Tagen sowohl Teilnehmer:innen als auch Unbeteiligte getötet wurden – die Schuld gab die für die Einsätze verantwortlichen SPD der KPD. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Tag dann schlussendlich zum „Tag der nationalen Arbeit“ umbenannt und als gesetzlicher Feiertag festgelegt. Am 2. Mai 1933 fand die Gleichschaltung der deutschen Gewerkschaften statt, was mit Beschlagnahmungen und Festnahmen einherging und ein Jahr später wurde der Tag zum „Nationalen Feiertag des Deutschen Volkes“ umbenannt. Seit der Niederlage des Deutschen Reiches wird der 1. Mai in der Bundesrepublik weiterhin als gesetzlicher Feiertag begangen, während der Aspekt des Arbeiter:innenkampfes immer mehr in den Hintergrund rückt. Parteien und Gruppierungen des linken Spektrums begehen ihn jedoch weiterhin in diesem Sinne, und seit den Achtzigerjahren kommt es jährlich zu Zusammenstößen mit der Polizei und Neo-Nazis, die den Tag in NS-Tradition begehen.

          :Jan-Krischan Spohr

Wer stand sich gegenüber? 
In Essen waren viele Menschen aus verschiedenen Gründen, Parteien und Organisationen versammelt. Wer sind sie und was waren ihre Beweggründe?  

Jede:r muss für sich selbst entscheiden, ob er:sie zu einer Demo oder Kundgebung gehen will. Am 1. Mai gab es viele Akteur:innen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen, darum hier eine kleine Einführung in ein paar von Ihnen:
DGB – steht für Deutscher Gewerkschaftsbund. Es ist ein Bund von acht Mitgliedsgewerkschaften wie IG Metall oder ver.di und er hat ungefähr sechs Millionen Mitglieder:innen. Laut ihrer Website mache er sich für eine solidarische Gesellschaft stark. Deshalb wundert das diesjährige Motto „Solidarität ist Zukunft“ nicht. Ihm sei wichtig, dass „Menschen unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht die gleichen Chancen erhalten“. In Essen haben sie eine Kundgebung im Autokino-Format abgehalten, auf der mehrere Reden gehalten wurden. Aber sie waren auch am Essen-West Bahnhof zu finden, um gegen die angemeldete Nazi-Demo zu demonstrieren. Nach eigenen Aussagen sei der DGB „keinesfalls politisch neutral“, was sie hiermit unter Beweis gestellt haben. Dabei beziehen sie sich hauptsächlich auf die Interessen von Arbeitnehmer:innen. Im vergangenen Jahr verloren sie circa 85.000 Mitglieder, darunter eine Vielzahl an Jugendlichen. 
Essen stellt sich quer – ist ein antirassistisches und antifaschistisches Bündnis aus Einzelpersonen, Organisationen und Parteien. Zu ihnen würden die lokale SPD, Linke und Grüne sowie AWO Essen und der DGB zählen. „Uns eint das Ziel, alle Tendenzen des Faschismus und Rassismus nachhaltig zu bekämpfen“ steht auf ihrer Homepage. 
Offenes Antifa Treffen Duisburg – das ist ein treffender Name, denn sie setzen sich für die Vernetzung von Antifaschist:innen aus Duisburg und Umgebung ein. Beim regelmäßigen Treffen planen sie gemeinsam Aktionen, organisieren Veranstaltungen usw. 
Auf der anderen Seite gab es die rechtsextremen Parteien NPD und Die Rechte. Beide gelten als antisemitisch und völkisch nationalistisch. Verfassungsschutz bzw. Bundesverfassungsgericht beteuern eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus.    

:Lukas Simon Quentin

Autokino und Blockaden 
Was war los am Tag der Arbeiter:innenbewegung in der Metropole Ruhr? 

Der 1. Mai ist der Kampftag der Arbeiter:innenklasse. Und zu kämpfen gibt es in Corona-Zeiten wahrlich genug, schließlich gibt es einen Bereich, der seit Beginn der Pandemie keinerlei Schutzmaßnahmen und Einschränkungen unterworfen wurde, und das ist die Arbeit, insbesondere bei den großen Firmen und Konzernen. Stattdessen leiden die arbeitenden Menschen in Deutschland unter hohem Infektionsrisiko am Arbeitsplatz und auf dem Weg dorthin, unter Homeschooling und Kinderbetreuung, unter Kurzarbeit und ausbleibenden Lohnerhöhungen, unter Jobverlust, Existenzängsten, Burnouts und Depressionen. Trotzdem hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) im letzten Jahr den 1. Mai nicht für eine Kampfansage gegen die Pandemiepolitik auf dem Rücken der werktätigen Bevölkerung genutzt, sondern ihn schlicht einfach abgesagt. Dieses Jahr sollte es dann anders sein: Der DGB rief bundesweit zu Aktionen am 1. Mai auf — nur in NRW wurde dann plötzlich doch wieder alles abgesagt. Stattdessen gab es „Autokino-Kundgebungen“ — sprich man saß im Autokino und schaute sich Reden von Gewerkschaftsfunktionär:innen an. So auch im Ruhrgebiet. 
Derweil gab es in verschiedenen Städten Demonstrationen und Kundgebungen der politischen Linken, die sich nicht auf das Spiel vom DGB einlassen wollten: In Duisburg etwa fand am Freitag eine revolutionäre Vorabenddemo statt, die von verschiedenen kommunistischen Kleingruppen aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland organisiert wurde. Am 1. Mai selbst fanden sowohl eine Kundgebung der Linkspartei als auch eine der DKP und des Duisburger Netzwerks gegen Rechts statt. Dagegen mobilisierten andere Duisburger Antifaschist:innen nach Essen. Dort sollte ursprünglich eine Demo von NPD und Die Rechte am Hauptbahnhof stattfinden. Als dann aber alle Veranstaltungen in der City von der Stadt Essen verboten wurden, wich Die Rechte nach Düsseldorf, die NPD nach Essen-West aus. Dort stießen die mehr als 100 Neonazis auf über tausend Gegendemonstrant:innen Es war wieder einmal der Polizei zu verdanken, dass die Faschist:innen ungestört durch die Stadt ziehen konnten. Auch in Dortmund stand der 1. Mai weniger im Zeichen des internationalen Kampftags der Arbeiter:innenklasse als vielmehr des Antifaschismus’: In der Neonazi-Hochburg Dorstfeld in der Nordstadt hielt Die Rechte ebenfalls eine Kundgebung ab. Hunderte Menschen protestierten dagegen. 15 Gegenkundgebungen wurden laut Polizei Dortmund angemeldet. 

 :Leon Wystrychowski

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