Büchner-Preis 2013 geht an Lewitscharoff
Lieber harte Wahrheit als weiche Lüge
Collage: Jacq/mar/koi
Löwen und Selbstmordgedanken: Des Philosophen Blumenbergs Phantasien. Collage: Jacq/mar/koi
Löwen und Selbstmordgedanken: Des Philosophen Blumenbergs Phantasien.

Letzte Woche wurde das Urteil endlich gefällt und öffentlich gemacht: Die wohl bekannteste und begehrteste deutsche Ehrung für Literatur, der Georg-Büchner-Preis, geht dieses Jahr an die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Am 23. Oktober wird der Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verliehen. Neben der unbezahlbaren Ehre ist der Georg-Büchner-Preis zusätzlich mit 50.000 Euro dotiert.

„Es ist keine Kunst, ein ehrlicher Mann zu sein, wenn man täglich Suppe, Gemüse und Fleisch zu essen hat“, lautet das wohl populärste Zitat Georg Büchners, welches exemplarisch für sein Werk steht. Hoffen wir, dass Sibylle Lewitscharoff ihrer Ehrlichkeit trotz ihres Erfolges treu bleibt, denn genau diese scheint eine wahre Goldgrube zu sein. Sibylle Lewitscharoff habe die Jury durch ihre erzählerische Phantasie, ihre sprachliche Erfindungskraft und nicht zuletzt auch durch ihre unerschöpfliche Beobachtungsenergie überzeugt. „Ihre Texte vertiefen und erweitern die genaue Wahrnehmung der deutschen Gegenwart in Bereiche des Satirischen, Legendenhaften und Phantastischen. Philosophische und religiöse Grundfragen der Existenz entfaltet die Schriftstellerin in einer subtilen Auseinandersetzung mit großen literarischen Traditionen und mit erfrischend unfeierlichem Spielwitz“, lobt die Jury darüber hinaus.
Seit ihrem zweiten Roman „Pong“ 1998, für den sie bereits damals den Ingeborg-Bachmann-Preis, den wohl zweitbekanntesten und zweitbegehrtesten Preis für deutsche Literatur, verliehen bekam, ging die Karriere der gebürtigen Stuttgarterin so steil wie rasant nach oben: Es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen wie etwa der Kleist-Preis (2011) und der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für ihren letzten Roman „Blumenberg“ (2011).

„Habhaft. Fellhaft. Gelb.“

Dass die Wahl und das Lob der Jury gerechtfertigt sind, lässt sich explizit an Lewitscharoffs letztem Roman „Blumenberg“ belegen, welcher sowohl von einer fiktiven Version des Philosophen Blumenberg handelt, der eines Nachts in seinem Arbeitszimmer Besuch von einem Löwen abgestattet bekommt, als auch von den Einzelschicksalen vierer StudentInnen, die allesamt die Philosophievorlesungen des Professors an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster besuchen.
Die Skizzen der dreidimensionalen Charaktere, die Lewitscharoff entwirft, zeugen von der gelobten „unerschöpflichen Beobachtungsenergie“: Mindestens eineR der dargestellten StudentInnen kommt einem beim Lesen verdächtig bekannt vor. Die Jugend der vollen Bäuche und der leeren Herzen. Die Jugend mit sicherem Zuhause und unsicherem Schritt. Die Jugend, die alles hat und doch immer auf der Suche ist. „Isa dachte an ihren Augenbrauenstift. Nicht an Blumenberg, wie es doch zu erwarten gewesen wäre. Bestimmt hatte sich die Kappe wieder gelöst und der Stift das Innenfutter verschmiert; sie flog und dachte mit aller Gewalt an die Schmiererei, biss die Zähne zusammen, fest, dass vom oberen linken Schneidezahn ein Stück absplitterte. Eine zu vernachlässigende Größe gemessen daran, was alles splitterte und brach, als der Körper auf dem Asphalt aufschlug.“
Ihre erzählerische Phantasie stellt Sibylle Lewitscharoff insofern unter Beweis, als dass sie die Pforte zu einer anderen Welt für den letzten Philosophen, der diese zu würdigen scheint, durch die Epiphanie eines tröstenden, richtungsweisenden, daseinssteigernden Löwen verbildlicht: eine Metapher für das Unsehbare – für all das, was man nicht in Worte fassen kann. Im hohen Maße plastisch wirkt desgleichen die sprachliche Erfindungskraft, an der sich Sibylle Lewitscharoff bedient. Augenfällig ist in dem Roman „Blumenberg“ namentlich die wechselnde Fokalisierung, also die wechselnde Sicht aus der das Erzählte vermittelt wird.Vor allem die variable interne Fokalisierung schafft eine greifbare Nähe zwischen den Figuren und dem/r LeserIn. Lewitscharoff gelingt es, den Sprachstil jeder Perspektive getreu anzupassen. In einem Zwischenstück „darüber, wo die Zuständigkeit des Erzählers endet“, wird die Erzählweise darüber hinaus durch eine Metaebene abgelöst: „Was weiß ein Erzähler, was weiß er nicht? Ob der Erzähler wirklich wissen kann, was einem Selbstmörder zuletzt in den Sinn kommt, ist fraglich.“ Geistreich, anregend, apart und gleichzeitig mustergültig ist die Kunst des Erzählens Lewitscharoffs.