Essay: Warum unsere innere Uhr uns die Zeit mit dem Alter immer kürzer vorkommen lässt
Leben im Schnelldurchlauf

Eine Woche und es ist Weihnachten. In vierzehn Tagen ist das Jahr rum. Mal wieder ging alles so schnell. Trank man noch vor gefühlten zwei Wochen Bier in der warmen Abendsonne, hetzt man nun zwischen zwei Tassen Glühwein durch die Kälte und sucht Weihnachtsgeschenke. Wieso vergeht die Zeit eigentlich jedes Jahr wie im Flug? Und wieso lernen wir nichts dazu, wenn uns diese Tatsache doch jeden Dezember aufs Neue stört?

Der Lauf des Lebens beschleunigt sich, je älter man wird. Seit ich ein Kind bin, höre ich diese Weisheit von Erwachsenen. Beruhigen wollen sie mich damit; mir zeigen, dass ich die Gemächlichkeit der jungen Jahre gefälligst schätzen soll. Doch vielmehr machen mir die Worte Angst. Denn ich weiß ohnehin, dass sich die Welt mit jeder vollendeten Ellipse um die Sonne gefühlt schneller dreht – und drehen wird. Sogar wissenschaftlich gesehen. Denn laut Studien rast die Lebenszeit im Rückblick tatsächlich dahin – alles eine Nebenwirkung des Erwachsenseins. Je älter wir werden, desto weniger Neues erleben wir. Doch wie Forscher wissen, nimmt unser Gehirn einen Zeitraum dann als länger wahr, wenn darin viel Verschiedenes passiert. Deswegen kam mir mein vierwöchiger Skandinavientrip im Vergleich zu den letzten drei Semestermonaten wie eine halbe Ewigkeit vor. Abwechslungslose Alltagsroutine verkürzt die Jahre also immer mehr – jedenfalls in unserem Empfinden.

Körpergefühl als innere Uhr

Doch manchmal vergeht Zeit auch so gar nicht. Egal, ob am windigen Gleis auf die verspätete Bahn wartend oder der schleppend monotonen Stimme der DozentIn lauschend: Sekunden können sich ziehen, als wären sie ganze Minuten. Für diese momentane Zeitwahrnehmung ist laut neuesten Erkenntnissen unser Körpergefühl verantwortlich. Experimente mit Versuchspersonen im abgeschlossenen Floating-Tank voll Salzwasser zeigen, dass das Gehirn selbst unter maximalem Reizentzug merkt, wie die Zeit verstreicht. Es analysiert dazu Signale der Eingeweide und Muskeln; daraus kreiert es das sogenannte „Körper-Ich“: Das Bewusstsein, dass wir uns in unserer sterblichen Hülle befinden. Die kontinuierliche Veränderung dieser Körperwahrnehmung ist so etwas wie das Ticken unser inneren Uhr. Doch auch die kann manchmal spinnen – zum Beispiel bei Fieber. Dann läuft der Organismus auf Hochtouren; seine erhöhte Aktivität beschleunigt den Zeiger der körpereigenen Uhr und wir nehmen die Zeit als unendlich gedehnt wahr.

Halt doch mal inne!

Aber heißt das dann nicht, dass wir in unserem hektischen Alltag auch ein bisschen tricksen und ihn zumindest punktuell entschleunigen können? Doch, das könnten wir tatsächlich. Wenn wir nicht so sehr damit beschäftigt wären, selbst unsere letzten freien Minuten mit leerer Zerstreuung wie HBO-Serien, WhatsApp und Facebitch zu füllen. Würden wir uns mal in Ruhe hinsetzen, um das Hier und Jetzt achtsam wahrzunehmen, kämen wir mit dem Fluss der Zeit direkt in Kontakt. Heißt: bewusst auf den Körper sowie seine Existenz in Raum und Zeit zu fokussieren. Weder an das Vergangene noch an das Kommende zu denken. Nicht zu bewerten, was gerade passiert. Einfach nur unser Dasein unverblümt spüren. Traurigerweise ist das ganz schön schwer für uns moderne Wuselwesen. Doch Achtsamkeit lässt sich lernen. Wenn wir nur ein paar Minuten pro Tag innehalten. Und mal die Augen schließen. Die Mute-Taste drücken. Nur noch unseren Körper spüren. Dann werden wir auch merken, wie die Sekunden Hand in Hand mit unseren Körpervorgängen vergehen. Und dass sie nicht davonrennen, wenn wir ihren Lauf bewusst wahrnehmen. Erst wieder vorm PC, dem Smartphone daneben und „Game of Thrones“ im Hintergrund – erst dann wird uns die Lebenszeit wieder wie Sand durch die Finger rinnen.

:Melinda Baranyai