Ein Jahr danach...
Kein Einzelfall!
Bild: bena
Symbolbild

Hanau. Am vergangenen Wochenende gingen tausende Menschen auf die Straße, um an Kaloyan Velkov, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović und Ferhat Unvar, die durch einen Täter mit rassistischer Gesinnung umgebracht wurden, und ihren Familien sowie Überlebenden des Anschlags zu gedenken. 

Zwölf Monate ist es nun her, dass T. R. gezielt Menschen tötete, die seiner Auffassung nach nicht deutsch genug waren. Eine Tat eines Rechtsextremen, die neun Menschenleben kostete und immer mehr Fragen aufwirft. Inwiefern hat der Staat versagt? Warum erreichte Vili Viorel, der den Täter verfolgte, niemanden bei der Polizeinotstelle? Wie konnte jemand, der mehrfach vorbestraft ist sowie eine psychische Erkrankung hat, drei Handfeuerwaffen besitzen? Warum konnten die Ermordeten den Notausgang nicht nutzen? Wie konnte ein Mensch sich online rechtsextremistisch ausleben, ohne auf dem Radar der Behörden zu landen? Für die Familien und die Überlebenden des rassistischen Anschlags sind dies nur einige der vielen ungeklärten Fragen, deretwegen sie sich allein gelassen fühlen. Denn bis heute konnten einige Angehörige, so auch der Vater von Hamza Kurtović, nicht mit der Polizei über die Tatnacht sprechen.  

Ein Jahr danach hat sich einiges geändert und einiges nicht. So muss der Deutsche Waffenbund nun prüfen, ob der Verfassungsschutz ein Veto einlegt ob der Besitz einer Waffe für die jeweilige Person geeignet ist.  Jedoch habe die Polizei bis heute keine Lösung dafür gefunden, ihre Leitungen zu entlasten und ein Umleitungssystem bei im Falle erneuter Überlastungen einzurichten. Dies sind nur einige Kritikpunkte der Hinterbliebenen, aber auch von Verbänden und migrantischen Journalist:innen.  

Gemeinsam kämpfen sie für ein Nicht weiter so! So fand auch in Bochum eine Gedenkdemo mit Mahnwache statt, um darauf aufmerksam zu machen, dass ein Wegschweigen nicht der richtige Weg ist. Rund 700 Menschen versammelten sich am 19. Februar am  Bochumer Bahnhof, um gemeinsam Richtung Rathaus durch die Stadt zu ziehen. Mit Gedenkminuten und Redebeiträgen wurde an Kaloyan Velkov, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Ferhat Unvar und die Hinterbliebenen des Attentats erinnert. Der Unmut über die staatlichen Organe, aber auch Medien war hier deutlich zu spüren. „Hetze gegen ‚migrantische‘ Menschen“ sowie „Überspitzung und neu geschaffene Stereotypen“, die durch die Berichterstattung untermauert würden, hätten die Denkweise des Täters und das Nichthandeln der Polizei unterstützt, so ein Redner. Die Beiträge waren emotional und die Redner:innen wirkten ergriffen und  machtlos und stark zugleich in einem Kampf um Gerechtigkeit und Respekt für die neun ermordeten Menschen in Hanau: Kaloyan Velkov, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović und  Ferhat Unvar. #SayTheirNames               

:Abena Appiah

Suche nach dem Schuldigen

Ein Jahr nach dem rechtsterroristischen Anschlag klagen die Angehörigen der Opfer den Vater des Täters. wegen Beihilfe zum Mord an. 

Sein Sohn T. R. ermordete am 19. Februar 2020 zunächst neun Menschen mit ausländischen Wurzeln und danach, in der Wohnung seiner Eltern, seine eigene Mutter, bevor er Suizid beging. Der Vater des Täters beteuert, währenddessen im Nebenzimmer geschlafen zu haben, ohne von den Schüssen geweckt worden zu sein. Die Angehörigen der Opfer können den Täter nicht mehr zur Rechenschaft ziehen, weil dieser durch den Selbstmord seiner Strafe entging, doch nun wurde die Frage aufgeworfen, ob sein Vater nicht eine gewisse Mitschuld an den Gräueltaten in Hanau trage. Dieser Verdacht ist nicht unbegründet, denn Aussagen des Vaters über seine Unwissenheit, die darin bestärkt sein soll, dass er zum Tatzeitpunkt geschlafen habe, widersprechen Zeugenaussagen von Nachbarn. Zudem wiesen ein Jobcenter-Mitarbeiter sowie ein Psychiater, die mit Vater und Sohn zu tun hatten, auf ein starkes gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis der beiden Männer hin. 

Mittlerweile hat sich der Vater des Täters einen deutschen Schäferhund zugelegt und ist für seine rassistische Haltung in der Nachbarschaft bekannt. Das Attentat wurde laut ihm von einem Geheimdienst begangen, jedoch seien die Opfer hier die eigentlichen Täter. Es ist also nicht wirklich die Frage, welch Geisteskind der Vater ist, sondern ob er im Vorhinein schon von der Tat seines Sohnes gewusst und ihn darin vielleicht sogar noch bestärkt hat. Schließlich reicht es noch nicht für eine Verurteilung aus, lediglich ein menschenfeindlicher Rassist zu sein.                   

    :Henry Klur

 

Dokus & Mehr 

Ein Jahr ist die Tat in Hanau her, doch die Aufarbeitung von Polizei und Behörden läuft nach wie vor nur schleppend und unzureichend ab. Angehörige, Überlebende sowie die Initiative 19. Februar haben ein Video mit dem Namen „Wir klagen an! Ein Jahr nach dem rassistischen Terroranschlag“ veröffentlicht, in dem die mangelhaften Aufklärungsarbeiten von Polizei und Behörden angeklagt wird. Das Video findet Ihr auf YouTube. Ebenso auf der Instagram Seite von Initiative 19. Februar Hanau sowie auf der Internetseite 19feb-hanau.org findet Ihr Redebeiträge von Angehörigen, Überlebenden und Betroffenen, Infos zu Veranstaltungen und Demos sowie eine große Community, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Tat und die Namen der Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ihre persönliche Initiative gegen das Vergessen, gegen das Verschweigen, gegen die Angst. Auf Instagram zu finden als @19februarhanau.
Vergangenen Mittwoch erschien ebenfalls ein Spotify-Podcast von der SZ, der sich mit dem bemerkenswerten Engagement der Angehörigen beschäftigt, die unter anderem eigene  Recherchearbeit  zur Aufklärung  leisteten. Ebenso startete am 12. Februar 2021 eine Spotify Original Podcast-Serie mit dem Namen 190220 – Ein Jahr nach dem 19. Februar.
Aber auch die auf den öffentlich rechtlichen sind einige Beiträge zu Hanau zu finden. In der ARD-Mediathek findet man unteranderem eine Doku des hessischen Rundfunks, sowie verschiedene Funk Formate, die sich mit dem Thema beschäftigt haben. Große Anteilname zeigt sich ebenso in der Social-Media Community unter dem Hashtag #SayTheirNames, unter dem immer wieder die Namen und Gesichter der Opfer geteilt werden, um an die ausgelöschten Leben in der rassistischen Schreckenstat in Hanau zu erinnern, anstatt dem Namen des Täters Fläche zu bieten.           

  :Christian Feras Kaddoura

Autor(in):