Zehntausende Beschäftige legten Bochum und andere Ruhrgebietsstädte lahm
Kämpferische Signalwirkung
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Nach Jahren des Reallohnverlustes ging‘s auf die Straße. Foto: bent
Nach Jahren des Reallohnverlustes ging‘s auf die Straße.

Der Gewerkschaftsaktivist Theo Pirker bezeichnete die Gewerkschaften einmal als „blinde Macht“. Blind, weil die Gewerkschaftsführungen zu sehr korrumpiert seien, um auf die Bedürfnisse der Basis einzugehen, stattdessen aber auf intransparente Bürokratie setzen. Mächtig sind sie jedoch auch, weil sie einfach eine organisierte Masse darstellen, die zwar ob der organisatorischen Strukturen träge erscheinen, die man aber trotzdem nicht wecken sollte und mit der man sich erst recht nicht anlegen. Da verhält es sich wie mit dem Harlekin, der an einem Bienennest rütteln will. Die Rolle des Ersteren nahm in diesem Falle niemand Geringeres als Bundesinnenminister Thomas de Maizière ein, als er die Verdi-Forderungen als „maßlos überzogen“ abstempelte.

Was Verdi fordert, ist ein Sockelbetrag von 100 Euro plus 3,5 Prozent Lohnsteigerung. Außerdem werden 30 Tage Urlaub, unbefristete Übernahme der Azubis, eine Laufzeit von 12 Monaten und eine volle Übertragung auf die BeamtInnen gefordert. Kurz nach de Maizières Rüge gegen die ArbeiterInnen wurde bekannt gegeben, dass die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten beschloss, sich bis zum 1. Januar 2015 eine Erhöhung der Diäten um 830 Euro pro Nase zu gönnen. Fast zeitgleich wurde über die 160 Milliarden an Steuerhinterziehung pro Jahr diskutiert, die sich die Herren um Hoeneß und Co. einheimsten. Trotzdem wurde weiterhin bekräftigt, dass für die Forderungen der Beschäftigten kein Geld da sei.

Fahrrad & Taxi statt Bus & Bahn

Was die Lohnabhängigen davon halten, bekam am 18. März nicht nur de Maizière zu spüren. In Bochum aber auch in Herne, Dortmund oder Essen blieben die Bahnen und U-Bahnen in den Depots. Auf den Straßen kam es daher zu einem größeren Verkehrsaufkommen, da viele ÖPNV-NutzerInnen auf Mitfahrgelegenheiten, Taxi oder Fahrrad umsteigen mussten. Da die Müllabfuhr in weiten Teilen des Stadtgebiets ausfiel, hatte das auch Auswirkungen auf die Müllentsorgung – mit übelriechenden Folgen des Arbeitskampfes. Seit dem Streik werden die Tonnen nur sehr unregelmäßig geleert, viele BürgerInnen sitzen auf ihrem Müll und beschweren sich mangels Verständnis für die Streikenden. Auswirkungen hatte der Warnstreik auch auf die Angebote des AKAFÖ (Akademisches Förderungswerk): Die Mensen hatten nur mit eingeschränktem Angebot geöffnet, die Verpflegung an einigen Bochumer Schulen fiel sogar ganz weg. In der Kinderbetreuung wurden Notgruppen für dringende Fälle angeboten, auch überall sonst waren Öffnungszeiten wie Angebote eingeschränkt. Rathäuser, Krankenhäuser oder Büchereien waren ebenfalls betroffen.

Arbeitsniederlegung legt auch Bochum lahm

Nach den geplatzten Tarifverhandlungen waren das die wohl massivsten Warnstreiks seit Jahren, welche die Stadt Bochum zu spüren bekam. Lauter Trillerpfeiffen-Lärm, wehende weiß-rote Verdi-Fahnen und kämpferische Sprechchöre – insgesamt über 2.000 TeilnehmerInnen zogen in Bochum in einem Sternmarsch zur Zentralkundgebung am Dr.-Otto-Ruer-Platz. Einige trugen weiße Verdi-Warnwesten mit Slogans wie „Wir sind es wert“ oder hissten Transparente mit der Aufschrift „Wir sind die Guten“ in die Höhe. Auf dem Platz, wo sich die Beschäftigten sammelten, wurde von den RednerInnen von einem „heißen März“ gesprochen. „Ich will es nicht akzeptieren, dass für eine gute Arbeit kein Geld da sein soll“, sprach die Bochumer Verdi-Geschäftsführerin Gudrun Müller vor den Streikenden. „Geld ist sehr wohl da“, erklärte die Rednerin, „es ist nur falsch verteilt.“ Angesichts von Reallohnverlusten seit Jahren herrschte auch eine  kämpferische Stimmung unter den Beschäftigten. So plädiert auch das „Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di“ dafür, konsequent für die Maximalforderungen einzustehen. Der Arbeitskampf geht noch in dieser Woche in die nächste Runde, für den 26. und 27. März rufen die Gewerkschaften erneut zu einer Warnstreikdemo auf.