Bücher sind für JournalistInnen in der Regel kein lukratives Geschäft
Investigativ ist Luxus
Fotos: dh
Andrea Röpke (l.) und Frank Überall (r.) sprachen auf der Frankfurter Buchmesse über den Stellenwert von investigativem Journalismus auf dem Buchmarkt. Fotos: dh
Andrea Röpke (l.) und Frank Überall (r.) sprachen auf der Frankfurter Buchmesse über den Stellenwert von investigativem Journalismus auf dem Buchmarkt.

Die Deutschen sind durchschnittliche LeserInnen. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse bescherte ein Pisa-Test für Erwachsene das wenig überraschende Ergebnis. Doch auf der mit 7.300 Ausstellern aus rund 100 Ländern größten Buch- und Medienmesse der Welt gab man sich zuversichtlich: Zwar werden im medialen Wandel die Karten auf dem Buchmarkt neu gemischt – so der Tenor – doch biete dies auch große Potentiale. Fakt ist: Noch nie war das Publizieren so einfach wie im Zeitalter des E-Books. Aber wem nützt das? Abseits von LiteraturpreisträgerInnen, Comicstars, und Promibiografien fristen z. B. journalistische Publikationen ein relativ unbeachtetes Dasein. Die Sachbuch-AutorInnen Andrea Röpke und Frank Überall haben in Frankfurt erklärt, warum der vierten Gewalt im Staat auch neue Verbreitungswege wenig nützen.

Günter Wallraff war sozusagen als Medienstar des Enthüllungsjournalismus zur Diskussionsrunde geladen. Doch er sagte ab: Wohlmöglich spontan investigativ unterwegs – als einer der wenigen JournalistInnen, die sich diesen Luxus noch leisten können. So nahmen neben Moderator Andreas Artmann nur Andrea Röpke und Frank Überall Platz: Beide sind studierte PolitologInnen, JournlaistInnen und BuchautorInnen. Die eine jagt Neonazis, der andere legt sich mit den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft an.

Seit Anfang der 1990er Jahre publiziert Röpke über Rechtsradikale. Ihre Arbeiten wurden in TV-Sendungen wie Panorama, Fakt oder Spiegel TV gezeigt, waren in großen Zeitungen und Magazinen zu lesen. Vor Ort sein, um wirklich hinter die Kulissen blicken zu können – das sei der wichtigste Bestandteil ihrer Arbeit. „Wir platzen förmlich nach unseren Recherchen“, erzählte die Autorin. Das Erleben dränge dazu, die neuen Eindrücke journalistisch zu verarbeiten.  

Recherche kostet Zeit und Geld

Mit ihren zahlreichen Arbeiten hat Andrea Röpke inzwischen einige Preise gewonnen und sich einen Ruf als Kennerin der rechten Szene in Deutschland aufgebaut. Doch die umfangreiche Recherche abseits der Mainstream-Medien fordert Zeit und finanzielle Ressourcen. „Wir produzieren alles selbst – auch Foto und Film“, erklärte sie. Zur Finanzierung seien mehrere Standbeine nötig. Daher leistet die Journalistin z. B. Aufklärungsarbeit an Schulen oder sie leitet Fortbildungen für Polizisten.

Jedoch nicht für den Verfassungsschutz, betonte Röpke, die Medienberichten zufolge aufgrund ihres Engagements vom niedersächsischen Verfassungsschutz beobachtet worden ist. In ihrem neuen Buch „Blut und Ehre“ kritisieren die Rechtsextremismus-Expertin und ihr Autorenkollege Andreas Speit die Ermittlungsarbeit während der NSU-Mordserie und eine ihrer Ansicht nach zu niedrige Gewichtung rechten Terrors gegenüber linkem Terror, der seit der RAF im Bewusstsein der Deutschen fest verankert sei.

Im Zuge ihrer Recherchen wurde Röpke mehrfach angegriffen. Trotzdem könnten JournalistInnen in Deutschland relativ frei arbeiten, sagte sie. Seinen „großen Respekt vor KollegInnen in anderen Ländern“ bekundete in diesem Zusammenhang auch Frank Überall: „Viele können ihres Lebens nicht sicher sein“.

Kaleidoskop der Korruption

Frank Überall arbeitet als freier Journalist in Hörfunk, Fernsehen und anderen Medien. Regelmäßig ist er für den WDR, die taz und die Presseagentur dpa im Einsatz. Dabei hat er zwar nicht mit Nazi-Schlägern, dafür mit findigen Presserechtsanwälten zu kämpfen. Seit Oktober 2012 ist Überall Professor an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln. Gegenstand vieler seiner Arbeiten ist Korruption in der Politik: „Insgesamt ist es wirklich ein Vergnügen, durch dieses Kaleidoskop der Korruption zu ‚surfen‘. Man hat dabei immer den Eindruck, dass es dem Autor nicht ums Schreien geht, sondern um die Sache“, schreibt z. B. Christian Humborg, Geschäftsführer von Transparency International, zu Überalls Buch „Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird“ von 2011.

Einerseits sei es schwierig, derart komplexe Sachverhalte in Artikellänge für Zeitungen auf den Punkt zu bringen, dabei „Strukturen deutlich zu machen“. Andererseits hätten politische und wirtschaftliche „Strukturthemen“ zwischen „Kindern, Tieren, Sensationen“ in der heutigen Zeitungslandschaft ohnehin einen schwierigen Stand, erklärte der Journalist. Die erforderliche jahrelange Recherche „muss auch bezahlt werden“, was nur noch die wenigsten Zeitungsredaktionen täten. Also doch frei auf dem Buchmarkt? Das sei leider unrentabel, bedauerte Überall. „Da ist kaum was rauszuholen, auch aus dem Verkauf der Bücher nicht“.

Ihr Programm stimmen Zeitungsredaktionen und Buchverlage auf die LeserInnen ab. Die sind im Schnitt eben durchschnittlich – und offenbar wenig an Aufklärung und Hintergrund interessiert. Am Geschmack der Masse ändern auch neue Publikationsformen wenig. Dabei wären JournalistInnen als BuchautorInnen so wichtig für unsere Demokratie.