Höckes persönliches Holocaust-Denkmal
Holocaust-Homeoffice?
Foto: CC0, Symbolbild
Unvereinbar? Wie kann Höcke das jüdische Vermächtnis wahren, ohne dazu plakativ genötigt zu werden? Foto: CC0, Symbolbild
Unvereinbar? Wie kann Höcke das jüdische Vermächtnis wahren, ohne dazu plakativ genötigt zu werden?

Kommentar. Das „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS) platzierte 24 Stelen in direkter Nachbarschaft Björn Höckes. 

Sein persönliches „Mahnmal der Schande“. Ebendiese Schenkung wollte das KünstlerInnenkollektiv Thüringens AfD-Fraktionschef in direkter Sichtweite seines Hauses platzieren. In der Folge debattieren Hinz und Kunz über den gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst (Was darf Kunst, was darf Kunst nicht, es bedarf mehr „darf“) und ob Höcke wirklich ein Nazi sei. Die Staatsanwaltschaft Mühlhausen ermittelt wegen versuchter Nötigung, weil das ZPS den AfD-Politiker dazu aufforderte, vor dem Mahnmal niederzuknien und um Vergebung zu bitten, sonst veranlasse es, dass Informationen über ihn veröffentlicht würden. Zuletzt werden die Autoreifen von Philipp Ruchs Kohorten – ähm, Konsorten! – von den wutentbrannten BornhagenerInnen zerstochen: ein beinahe biblisch anmutender Racheakt. Leute, kommt schon. 

Bitte um Vernunft

Der Erste schreit: „So eine Schande, der Höcke ist doch kein Nazi! Und das von deutschen Steuergeldern finanziert!“ Der Nächste schreit: „Kunst darf alles, Höcke ist ein Nazi und all‘ seine SymphatisantInnen auch“ und der Unproduktive fügt hinzu: „Vergasen sollte man sie dafür!“ Ewig dreht sich die Spirale der gegenseitigen Freiheitseinschränkungen und Aufforderungen zum Schuldbekenntnis. Natürlich „darf“ Kunst alles, wer sollte ihr irgendetwas verbieten können? Da stehen Klötze in einem Vorgarten. Okay ja, sie verderben die Sicht auf das Land, das Höcke sich auf Grundlage vierhundertjähriger Sklaverei, Kolonialgeschichte und Ausbeutung zusammenerben durfte. 

Und ja, Höckes völkisches Gehabe schreit nach Nazi-Analogien. Aber: AfD-Fraktionsvorsitzende und Konsorten (oder Kohorten?) verstehen sich nicht als Nazis. Das ZPS bedient sich streitbarer Symbolik und fällt ins Raster des Unverständnisses. 

Höcke sollte für seine Äußerungen vor der jüdischen Gemeinde um Vergebung flehen; aber die Nötigung zum Willy Brandt’schen Kniefall ist genauso unproduktiv wie die unreflektierten Bezüge zum Völkischen aus der AfD-Fraktion. Kritik an Höcke und der AfD ist mehr als berechtigt – aber die kann man auch intelligent und subversiv formulieren.             

 :Marcus Boxler