Kommentar: Wenn Hochschulen wie Unternehmen agieren
Frage der Kultur

Der Umgang mit Beschäftigten, wie ihn ein verstorbener Prof. am Imperial College schilderte (siehe Seite 4), ist an sich schon schockierend. Die unbeantwortete Frage, wie direkt der auf Prof. Grimm ausgeübte Druck mit seinem Tod zusammenhing, macht es umso tragischer. Ob dies ein Einzelschicksal ist oder Symptom einer fehlgeleiteten Philosophie, bleibt Ansichtssache. Es bedarf jedoch keiner Toten, um das Credo der unternehmerischen Hochschule zu hinterfragen.

Man kann zwar unternehmerisches Handeln einer Hochschule generell ablehnen, doch Argumente wie wirtschaftliche Einflussnahme auf die Forschung greifen zu kurz. Während Studierendenzahlen steigen und Bildung als wichtigste Ressource der Wissensgesellschaft propagiert wird, bleiben die Hochschulen unterfinanziert. Es ist also sinnvoll, die knappen Mittel effektiv und effizient einzusetzen. Wenn Unternehmen dabei bessere Vorbilder zu sein scheinen als öffentliche Verwaltungen, ist das kein Fehler der Unternehmen. Überhaupt gelten eher angelsächsische Eliteuniversitäten als Vorbild, nicht Wirtschaftsunternehmen XY. Diese Unis haben sich der Herausforderung der Modernisierung erfolgreich gestellt, nicht zuletzt durch eine diversifizierte Finanzierung. Genau das ist der Knackpunkt, warum sie nicht als Beispiel taugen. Horrende Studiengebühren wie in Großbritannien und den USA sind für Deutschland undenkbar; Alumni-Netzwerke als Geldquelle scheiden hierzulande ebenfalls aus. So bleiben deutsche Unis abhängig von öffentlichen und Drittmitteln, und müssen in jedem Fall Ausgaben rechtfertigen.

Wie sie bei diesem Druck mit den Menschen umgehen, die an Hochschulen lehren, forschen und lernen, hat weniger mit dem System der unternehmerischen Hochschule an sich zu tun, als mit der Unternehmenskultur. Diese Kultur ist schon weit verfallen – auch an der RUB. Das zeigen DozentInnen, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln, sowie Hilfskräfte und DoktorandInnen, die vor Lehraufträgen und Bürokratie nicht zum Promovieren kommen. Gegen ein hochschulisches Unternehmertum, das solche Belastungen nach sich zieht, müsste etwas unternommen werden.

:Johannes Opfermann