Keine Seltenheit
Ein unfaires Verhalten – Stalking an der Universität
Bild: sat
Bild: sat

Sonderausgabe. Betroffene von Nachstellung haben häufig das Gefühl, wenig Hilfe zu erhalten. Diese Ausgabe soll zur Aufklärung beitragen und über einen Fall an der Ruhr-Universität Bochum berichten.

„Ob ich Angst vor ihm habe? Hinterher denke ich meistens ‚so viel konnte er nicht machen‘. Aber wenn ich die Treppe hochlaufe und er mich am Kragen der Jacke packt – natürlich, dann habe ich schon Angst.“ Katja ist in eine Situation geraten, in die 23 % der Studentinnen in Deutschland kommen: Sie wird von einer Person verfolgt, die ihr nachstellt und sie belästigt. Ihre Lage ist keine Seltenheit: Je nach Quelle sind etwa 12-15 Prozent der in Deutschland lebenden Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben von Stalking betroffen. Die Stalkenden sind auf die betroffene Person fixiert; sie versuchen, gegen den Willen der Person Kontakt mit ihr aufzunehmen und zu halten. „Stalking ist letztendlich ein Verhalten. Ein Verhalten, das darauf abzielt, Kontakt, in welcher Form auch immer, herzustellen und zwar zu einer Person, die das nicht möchte“, erklärt Kriminalpsychologin Justine Glaz-Ocik. Die Kommunikation läuft in diesem Fall einseitig ab. Versuchte Kontaktaufnahme kann zum Beispiel über Mails, Auflauern, Bestellungen oder über Dritte gehen. Frauen sind hierbei häufiger betroffen als Männer. Stalking wirkt sich unterschiedlich auf die Betroffenen aus; Verlust des Grundvertrauens, Angst, erhöhtes Schutzbedürfnis, Selbstzweifel und Schuldzuweisung oder gar Traumata sind mögliche auftretende Konsequenzen. Jedoch ist der juristische Handlungsspielraum noch zu klein. Erst seit 2007 ist Nachstellung – die juristische Bezeichnung von Stalking – ein Straftatbestand. Stalking erfolgt meist nach einer Zurückweisung oder Kränkung wie in Katjas Fall. „Das Grundproblem war immer, dass Eric mehr mit mir befreundet sein wollte, als ich mit ihm und dann auch eine Beziehung erstrebte, die ich auf keinen Fall wollte. Irgendwann war ich an dem Punkt, dass ich gesagt habe, ich will mit Eric gar nicht mehr reden und das ist nie akzeptiert worden“, erklärt die ehemalige Studentin. Sowohl Eric als auch Katja sind, beziehungsweise waren, Studierende an der Ruhr-Universität Bochum. Das verkompliziert ihren Fall. Als Katja sich hilfesuchend an verschiedene Einrichtungen der Universität wandte, konnten und wollten diese nur bedingt helfen. Wen genau Katja aufgesucht hat und wie die RUB reagiert hat, berichten wir auf den Seiten 2 und 3. Ebenfalls schauen wir nach Möglichkeiten, die Universitäten beim Thema Stalking haben. Hätte die RUB wirklich nicht mehr machen können?

Stalking ist an Hochschulen keine Seltenheit, wie eine europäische Vergleichsstudie von 2012, deren deutscher Länderbericht an der RUB durchgeführt wurde, aufzeigt. In dieser haben die Wissenschaftler Thomas Feltes, Katrin List, Rosa Schneider und Susanne Höfker untersucht, in welchem Maß sexualisierte Gewalt, Stalking und Angst an Hochschulen vertreten sind und wie damit umgegangen werden kann. Dass diese Studie weiterhin die Referenzstudie ist, die sich mit Stalking an Universitäten beschäftigt, zeigt, dass noch viel getan werden muss. Auf Seite 6 erfahrt Ihr mehr zum Forschungsstand und zu den Sanktionsmöglichkeiten der Universitäten im Hochschulgesetz. Das Studium der betroffenen Personen wird dabei stark beeinträchtigt. Stalking an der Universität kann zum Beispiel zur Folge haben, dass sich das Studium verzögert, sich die Leistungen verschlechtern oder man das Studienfach oder den Studienort wechseln muss, um der stalkenden Person nicht mehr zu begegnen. Falls sich die Situation dadurch nicht bessert, wird das Studium sogar manchmal ganz abgebrochen. Auch verschiedene Orte auf dem Campus werden aus Angst vermieden, um die Chance zu verringern, dem*der Stalker*in zu begegnen. Doch vor Stalking schützen kann man sich nicht wirklich: „Manchmal spricht man einfach zur falschen Zeit mit der falschen Person. Und dann ist man plötzlich dafür verantwortlich, sein eigenes Leben umzukrempeln“, erläutert Psychologin Justine Glaz-Ocik vom Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Wir haben sie zu diesem Phänomen befragt und auf Seite 5 erfahrt Ihr, was Stalking mit den Betroffenen und den Stalkenden macht. Wenn Ihr selbst einmal von Stalking betroffen sein solltet, geben wir Euch auf Seite 6 Beratungsstellen, an die Ihr Euch wenden könnt, mit an die Hand, denn wie Justine Glaz-Ocik sagt; „Das Stalking hört nicht plötzlich auf. Das dauert. Deswegen braucht es eine längerfristige Beratung.“

:Die Redaktion

[Um alle Beteiligten zu schützen, wurden die Namen anonymisiert und die Fachschaft nicht genau genannt. Diese sind der Redaktion jedoch bekannt.]

Autor(in):