Barrieren im Kopf sind auch bei der Entwicklungsarbeit hinderlich
Die Mzungu-Falle
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Es ist an der Zeit, schreiend im Kreis zu rennen: Aus der Heimat mitgebrachte Zwänge führen zu gut gemeinten statt guten Resultaten. - Foto: koi
Es ist an der Zeit, schreiend im Kreis zu rennen: Aus der Heimat mitgebrachte Zwänge führen zu gut gemeinten statt guten Resultaten.

Sie wollen helfen – dürfen aber nicht darüber sprechen. Wer in Entwicklungsprojekten in entsprechend bedürftigen Ländern mitarbeitet, lernt vorher in speziellen Seminaren, wie die zum jeweiligen Thema passenden, offiziellen Sprachregelungen zur Zeit aussehen und wie man sich kulturell anpasst – aber nicht, wie man wirkliche Probleme echter Menschen löst. Am Einsatzort führt das zu Missverständnissen und Frustration auf beiden Seiten.

In Kenia laufen die Uhren nur unwesentlich anders – lediglich eine Stunde muss der/die MitteleuropäerIn der MEZ zuschlagen. Was in Kenia aber anders läuft, ist das Verhältnis zur Zeit. Wer in Italien gut zurechtkommt, wird sich auch mit den kenianischen Verhältnissen schnell arrangieren können. Verabredungen sind flexibel, Termine spontan verhandelbar und das Arbeitstempo eher gering. Oder für Studierende gesprochen: Alles eher so Hausarbeits-Style. Das Projektteam hat zwar einen Zeitplan und feste Zeiten mit den Partnern vor Ort ausgemacht; der Zeitplan wurde jedoch schon drei Mal umgeworfen, an Termine hat sich bisher niemand gehalten. Aber hey, das ist halt Afrika. Alles halb so wild. Das läuft eben so hier. Man ist schließlich angepasst. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Das Projekt wird schon so laufen und bekommt dann eben einen „landestypischen Charakter.“ Umso besser.

Feuchttücher als Politikum

Angenommen, im betreffenden Projekt ginge es um die Arbeit mit Sexarbeiterinnen. Der im Rahmen des Workshops organisierte Besuch der Gynäkologin steht ins Haus, und die Medizinerin ruft von unterwegs an: „Hey, ich habe feuchte Tücher vergessen, könntet ihr noch eben welche besorgen?“ „Klar, kein Problem“, sagen die ProjektmitarbeiterInnen – froh, eine Aufgabe zu haben, die von einer Einheimischen an sie delegiert wurde.

Im Supermarkt dann die Qual der Wahl: Neben zahlreichen anderen Produkten werden auch „sex wipes“ angeboten: Feuchttücher, die sanft und alkoholfrei besonders schonend zur Genitalregion sein sollen. Genau das Gesuchte also? Weit gefehlt. „Das stigmatisiert die Frauen ja total“, sagt die Projektleiterin. Also vorsichtshalber die „normalen“ Tücher in den Einkaufskorb. Nicht, dass sich die Sexarbeiterinnen (deren Job quasi die Zugangsberechtigung zum Workshop darstellt und die sich untereinander kennen) unwohl fühlen. Ein pubertärer Hauch scheint durch die Luft zu schweben, nach dem Motto: „Haha, du hast Sex gesagt.“

Und was sagen die „Betroffenen“ selbst? „It’s just a name. Völlig egal, wie die Tücher heißen – Hauptsache sie erfüllen ihren Zweck.“ Nun denn. Das hat im Seminar zuhause in Deutschland aber keiner gesagt. Da hieß es noch, man müsse sensibel und kulturell aufmerksam sein. Was natürlich niemand gesagt hat: Es gibt keine politisch aufgeladenen Feuchttücher.

Böse Entwicklungshilfe

Natürlich gibt es eigentlich auch keine Projektleiterin. Alle sind ein Team. Der Fotograf ebenso wie die Tanzlehrerin und der Tanzlehrer. Tanz ist das Mittel, das den Frauen Selbstbewusstsein für ihren Alltag und ihren in Kenia bei Strafe verbotenen Beruf geben soll. „Ich bin hier Tanzlehrer“, sagt der Tanzlehrer, der selbst Kenianer ist. „Ich sehe mich nicht in der Position, hier für andere Bereiche Verantwortung zu übernehmen.“ Trotzdem nimmt er seine Landsleute nicht in Schutz: „Die meisten verstecken sich hinter den Klischees. Sie nehmen die Rolle an und warten passiv darauf, dass ihnen geholfen wird.“

Das Wort Entwicklungshilfe ist böse. Das lehrt das Seminar. Als „mzungu“, als KaukasierIn, steht man automatisch in der Tradition der Kolonialherren und -damen. Heutzutage kommt man aber nicht hochherrschaftlich daher um zu helfen, sondern man kommt für partnerschaftliche, gleichberechtigte Zusammenarbeit. Was aber, wenn vor Ort keiner (zusammen-)arbeiten will oder kann, die Menschen sich verstecken? Was, wenn man Fähigkeiten und Wissen einbringt, die vor Ort nicht vorhanden sind? Die Projektleiterin, die keine sein will, und ihr Team schämen sich. Sie schämen sich für all ihr Wissen und die weiten Landstriche, die ihre Gene einst versklavten. In ihrer Scham machen sie sich abhängig von den Menschen, die eigentlich ihre Hilfe brauchen. Sie sehen, dass Hilfe benötigt wird und niemand Zeit hat für Zusammenarbeit, weil jede Ablenkung vom Kampf ums Überleben selbiges gefährden kann. Und sehenden Auges können sie doch nichts tun – das gebieten der Anstand und das Seminar. Wie StudentInnen sich in die Lebenswelt von Frauen, die sich für ihre Existenz und die ihrer Kinder zu Hungerlöhnen prostituieren, „einfühlen“ sollen, hat das verflixte Seminar nicht verraten. In diesem Bewusstsein bleibt nur die Rolle als Zaungast – im eigenen Projekt.