Workshop der Slavistik
Der apolitische Freiheitskampf
Bild: Flickr; Ion Chibzii (CC BY-SA 2.0)
Demonstrationen in Moldau: Gegen Ende der Sowjetunion wurden Proteste zunehmend politischer.  Bild: Flickr; Ion Chibzii (CC BY-SA 2.0)
Demonstrationen in Moldau: Gegen Ende der Sowjetunion wurden Proteste zunehmend politischer.

Russland. Bei einer Veranstaltungsreihe des Seminars für Slavistik ging es um Dissens in der Sowjetunion und Russland.

Nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch im heutigen Russland gibt es Strömungen, die mehr Freiheit fordern und sich gegen Ungerechtigkeiten einsetzen. Doch haben sich die Begriffe und Definitionen von Freiheit in den vergangenen Jahren gewandelt? Wie äußerten sich abweichende Meinungen? Während in Russland die Fußball-WM stattfindet, beschäftigten sich die Teilnehmenden der Veranstaltungsreihe „Freedom, Dissent, and Protest in the Soviet Union and Russia“ vom Lotman-Institut für Russische Kultur des Seminars für Slavistik mit diesen Themen.
Den Einstieg lieferte der Soziologe Alexander Bikbov von der Universität École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris. In seinem Vortrag mit dem Titel „The compromised freedom: from protest vocabularies to official doctrines“ zeigte er unterschiedliche Modelle davon, wie Freiheitsverständnisse in den vergangenen 50 Jahren in kritische Aktionen umgewandelt wurden.

Protest ohne Politik

Zum Beispiel erklärte Bikbov, dass viele WiderständlerInnen in der Sowjetunion ihren Protest als apolitisch verstanden. „Für die Dissidenten ab den frühen 70ern war Freiheit eine Art reines Konzept und bedeutete die Unmöglichkeit, Teil des institutionellen Systems zu sein. Aus diesem Blickwinkel blieb das Konzept von Freiheit uneingeschränkt“, so Bikbov. Als Beispiel nennt er das Tragen von westlicher Mode. „Stilistische Opposition zu dem Sowjet-Regime wurde nicht als politische Position verstanden, trotz der Tatsache, dass sie sich schlussendlich in Aktionen umsetzte, die wir heute als politisch verstehen – Petitionen, Straßenproteste oder Verbindungen zu Untergrundjournalisten.“ Dieses Selbstverständnis reinigte das Konzept der Freiheit vom Institutionellen und machte es für die DissidentInnen zu einem individuellen Wert. Diese Auslegung habe sich in der Zwischenzeit gewandelt. Viele Protestierende seien mittlerweile dazu bereit, auch mit öffentlichen Institutionen zusammenzuarbeiten.

      :Stefan Moll

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