Forschung zu Hepatitis
Das „digitale Krankenhaus“
Bild: Lehrstuhl Molekulare und Medizinische Virologie
en. Deutlich zu erkennen sind einzelne Nukleotidaustausche. 		        Hepatitis-E-Virusvarianten in der Blutprobe eines Patienten. Deutlich zu erkennen sind einzelne Nukleotidaustausche. Bild: Lehrstuhl Molekulare und Medizinische Virologie
en. Deutlich zu erkennen sind einzelne Nukleotidaustausche. Hepatitis-E-Virusvarianten in der Blutprobe eines Patienten. Deutlich zu erkennen sind einzelne Nukleotidaustausche.

INTERVIEW. RUB-Forscher*innen fanden resistente Hepatitis-E-Mutationen. Eine Datenbank mit Virussequenzen soll eine Entscheidungshilfe zur Auswahl der geeigneten Therapie geben. Fragen an Prof. Steinmann, Leiter der Abteilung für Molekulare & Medizinische Virologie.

:bsz: Herr Professor Steinmann, Sie forschen zu dem Hepatitis-E-Virus. Warum interessieren Sie sich für dieses Thema?

Prof. Steinmann: Wir forschen zu Hepatitis E, weil dieses Virus weltweit, aber auch gerade in Europa, ein Gesundheitsproblem darstellt. Trotz der Gefährdung für Menschen ist Hepatitis E wenig erforscht. Es gibt keinen Impfstoff und kaum Medikamente, wodurch das Virus besonders für immungeschwächte Personen gefährlich sein kann. Es handelt sich bei dem Hepatitis-E-Virus um einen Hepatitisvirus; es kann schwere Leberschädigung verursachen und schlimmstenfalls kann es zu Organversagen führen. Jährlich sterben weltweit 70.000 Menschen an Hepatitis E.

Wie kann Ihnen „Big Data“, also die Auswertung sehr großer Datensätze, bei der Erforschung von Hepatitis E helfen?

Wir wollen mit „Big Data“ vorhersagen können, ob eine Therapie funktioniert oder nicht. Dazu ist eine sehr detailgetreue Tiefensequenzierung des Erbmaterials des Virus nötig. Sie müssen sich das vorstellen wie einen Vogelschwarm. Jeder einzelne Vogel des Schwarms sieht aus der Nähe anders aus. So ist das auch im Blut. Es gibt darin Millionen viraler Genome, jedes ist für sich genommen ein bisschen anders. Die „Masse an Daten“ können wir nutzen, um Therapieempfehlungen abzuleiten.

Sie haben Hepatitis-E-Patient*innen Blutproben entnommen und diese danach klassifiziert.

Zunächst haben wir aus den Blutproben der Patienten die RNA-Informationen (Anm- der redaktion: speichert Erbinformationen) isoliert. Diese besteht aus vier unterschiedlichen Virusbasen, die mit verschiedenen Sequenzen als Varianten des Hepatitis- E-Virus auftreten. Wir haben herausgefunden, dass der Hepatitis E-Virus sein Erbmaterial unter Therapie verändern kann. Einige der Mutationen entwickeln Resistenzen und sprechen auf die Medikamente nicht an. Zum Beis piel die Mutation „G1634R“ sich resistent gegen das Virusmedikament Ribavirin.

Was ist die Aufgabe des Computers?

Der Rechner entschlüsselt die Kombination der RNA. Das ist mit Sequenzierung gemeint. Anschließend kann er sie klassifizieren und anhand „erlernter“ Zusammenhänge mögliche Therapieverläufe vorhersagen und die behandelnden Mediziner*Innen bei Therapieentscheidungen unterstützen.

Ist es im Alltag der Krankenhäuser überhaupt möglich, festzustellen, welcher Hepatitis-E-Virus genau vorliegt?

Noch wird das Verfahren nicht in der Routine angewendet. Dafür werden riesige Rechnerleistungen benötigt. Aber wir haben den Plan, dass das Verfahren in wenigen Jahren in der Praxis angewendet werden soll. Unser Ziel ist es, eine automatisierte Analyse der Mutationen vorzunehmen. In der Forschung brauchen wir noch zwei bis drei Wochen, um eine Virussequenz zu bestimmen, in Zukunft soll das in 24 Stunden automatisiert ablaufen. Am Ende werden Computer die Analyse übernehmen. Das wird das „digitale Krankenhaus“ genannt.                                              

    :Jonathan Josten