Politisches Artensterben
Artensterben ohne Trauer

Glosse. NPD-Kundgebung – höchstens 60 Rechte treten für ihre Rechte ein. Eine seltene Gelegenheit NPD-Nazis in freier Wildbahn zu sehen.

„Meine Damen und Herreeeen – die Attraktion auf die Sie alle gewartet haben. Wir bieten Ihnen die einzigartige – womöglich letzte – Gelegenheit einen echten, einen lebenden, einen originalen NPD-Anhänger zu seheeeen!“ Der Vorhang fällt. Die vielleicht letzten 60 Exemplare einer fast ausgestorbenen Art erscheinen. Schwarz-weiß-rote Fähnchen flattern im ersten Frühlingswind des Jahres 2018. Böse verkniffene, glatzköpfige Gesichter starren miesepetrig ins Publikum. Im Hintergrund hören wir Billy Hill, der mit dem zirkustypischen Song den Auftritt begleitet. So oder so ähnlich sah die NPD-Kundgebung in Bochum aus. Über 300 ZuschauerInnen fanden sich ein, um die wenigen verbliebenden Exemplare unter tosendem Anti-Applaus zum Aussterben zu animieren.
Ok, die Musik war etwas anders. Es gab irgendein rockiges Geschrömmel mit völlig unverständlichem deutschsprachigem Geschrei. Dennoch – Billy Hill hätte das Ganze durchaus amüsanter gemacht, für gute Laune gesorgt und die Mundwinkel (auf beiden Seiten des Gatters) ein wenig gehoben. Denn auch auf Zuschauerseite waren die Gesichter nicht überschwänglich positiv.

Artensterben zu erwarten

Früher oder später werden sie aussterben; das ist zu erwarten. Verschiedene Faktoren spielen da mit rein. Zum einen die natürliche Selektion. Außerdem die Verluste durch Fressfeinde. Und zum Letzten wird das Fortbestehen der Art nicht gesichert werden können. Am Beispiel in Bochum ließen sich auf 60 Personen zwei oder drei weibliche Exemplare entdecken. Bei der Rudelgröße und dem K-strategischen Reproduktionsverhalten (lange Aufzuchtszeit und wenige Nachkommen), ist Aussterben vorprogrammiert.
Mit Sicherheit können einige ebenjenes Artensterben kaum erwarten. Vielleicht wird es in einigen Jahren heißen „Mama? Können wir zur NPD-Kundgebung gehen? Ich möchte die nochmal sehen!“ Bevor der Gesellschaftswandel die letzten Exemplare dahinrafft, schnell noch einen Blick drauf werfen. Für die eigene Erinnerung und zur Mahnung der nächsten Generation.

:Kendra Smielowski