Nach dem Protest-Camp: Die Situation der syrischen Geflüchteten in Dortmund
Ankommen in Deutschland
Fotos: Irene Allerborn
Erinnerungen an das Protestcamp von gemeinsamen Soli-Aktionen und gemeinsamen Abendessen von syrischen Geflüchteten und Dortmunder AktivistInnen. Foto: Irene Allerborn
Erinnerungen an das Protestcamp von gemeinsamen Soli-Aktionen und gemeinsamen Abendessen von syrischen Geflüchteten und Dortmunder AktivistInnen.
Die Feierlichkeiten für den Tag der Deutschen Einheit rücken näher. Doch 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR bewegt eine ganz andere Mauer die Menschen: Die Festung Europa wird ausgebaut, tausende Menschen sind im Mittelmeer umgekommen. Dagegen rührt sich Protest: In Dortmund bekundeten hunderte Menschen in einer Demo Solidarität mit den Geflüchteten. Dass die Mauer zwischen „uns“ und den Geflüchteten bereits gefallen ist, finden dagegen die syrischen Refugees, die im Sommer mit einem Protest-Camp in Dortmund auf ihre Lage aufmerksam machten und viel Solidarität erfuhren. Irene Allerborn besuchte sie dort und sprach mit ihnen über ihre aktuelle Situation.
 
Foto: Irene AllerbornGrüne Luftballons, weiße Tischdecken, feine musikalische Klänge – das Fest der syrischen Flüchtlinge Anfang September in Dortmund machte ganz schön was her. Ein weißes Transparent zwischen zwei Bäumen gespannt mit der Aufschrift „Dankeschön Deutschland – Wir bedanken uns beim deutschen Volk und bei der Regierung“, wies auf den Anlass der Veranstaltung hin. „Wir wollen den Leuten danken, die uns von Anfang an begleitet und uns geholfen haben“, erklärt Bani Al-Mhameed. Der grünäugige junge Mann aus Syrien war von Beginn an bei dem Camp in der Dortmunder Innenstadt dabei.

Ein Protestcamp in Dortmund

Anfang Juni schlossen sich Geflüchtete aus Syrien zusammen, um vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Dortmund zu protestieren. Ihre Asylanträge waren nach monatelangem Warten immer noch nicht bearbeitet, die Ungewissheit und die Sorge um ihre Familien brachte die Männer zum Handeln. „Erst war unser Protest für nur drei Stunden angedacht“, sagte einer der Teilnehmenden des Camps auf dem Fest ins Mikrofon. Aus den drei Stunden wurden knapp zwei Monate: zunächst campierten die Flüchtlinge mehrere Tage vor dem BAMF, dann zog das Camp an die Katharinentreppen in der Dortmunder Innenstadt. Erst am 1. August beendeten die geflüchteten Männer aus Syrien ihren Protest.

Und wie geht’s weiter?

„Das Camp hat viel Positives für unsere Situation bewirkt und die Entscheidung über unsere Asylanträge beeinflusst“, findet Bani. Einige der ehemaligen Teilnehmenden Foto: Irene Allerbornhaben heute einen Aufenthaltsstatus. „Viele Medien haben über unser Anliegen berichtet und wir haben 5.000 Unterschriften gesammelt – deshalb haben sich Politiker für uns eingesetzt“, erzählt Bani selbstbewusst. Er fügt hinzu: „Das Camp hat die Leute stark verändert: wären sie im Asylheim geblieben, so hätten sie keine Chance gehabt, ihre Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.“ Nun haben die meisten der 52 Teilnehmer ihren Aufenthalt hier gesichert, fangen Sprachkurse an und wollen bald ihre Familien nachholen – sofern das möglich ist. Denn es gibt Probleme: die Eltern der jungen Männer bekommen kein Visum für Deutschland. Nur Eheleute und eigene Kinder genießen dieses Privileg. Und bis das Visum in Syrien ausgestellt ist, vergehen oft mehrere Monate.
 
Doch Bani ist überzeugt, dass das Leben der syrischen Männer ohne das Camp heute ein anderes wäre: „Die Leute haben viele Kontakte und Freunde in Deutschland gefunden. Sie sind der Einsamkeit und der Isolation in den Asylheimen entkommen.“
 
Bani denkt an die gemeinsamen großangelegten Essen nach dem Sonnenuntergang in der Ramadanzeit, an die musikalischen Abende und an die Bilder, die Menschen aus Syrien und aus Dortmund gemeinsam gemalt haben. „Das Camp zerstörte die Mauer, die zwischen uns Flüchtlingen und den Leuten aus Deutschland war“, folgert der junge Mann. 
 
Bani konzentriert sich nun auf das Erlernen der Sprache und verfolgt strebsam sein Ziel: „Ich möchte Medizintechnik studieren – mal sehen, was die Zukunft bringt.“
 
:Gastautorin Irene Allerborn
studiert Sozialwissenschaft an der RUB
 
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