Der Fußball und sein Rassismusproblem
Anfeindungen aus der Fankurve
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Am vergangenen Wochenende kam es zu rassistischen Parolen in italienischen Stadien. Foto: rl
Am vergangenen Wochenende kam es zu rassistischen Parolen in italienischen Stadien.

Während im deutschen Fußball der Ball derzeit ruht und die wichtigsten Nachrichten den Schalker Mittelfeldspieler Lewis Holtby und seinen Wechsel zu den Tottenham Hotspurs (voraussichtlich) im Juni 2013 betreffen, wird in manchen europäischen Ligen schon wieder vor das runde Leder gekickt. Abseits des Spielgeschehens kam es jedoch vermehrt zu politisch unhaltbaren Auswüchsen in den Fanlagern, zuletzt in Italien in Form rassistischer Schmähgesänge. Auch der deutsche Fußball ist gegen Probleme dieser Art nicht immun, wie der Fall Borussia Dortmund nahelegt.

Nach rund zwanzig Minuten endete der Spielbetrieb: angeführt von Kevin-Prince Boateng verließen die Spieler des AC Mailand den Platz, nachdem es in einem Testspiel gegen den italienischen Viertligisten Pro Patria kontinuierlich zu rassistischen Anfeindungen gegen einzelne Spieler der Rossoneri gekommen war. Boateng gab zu Protokoll, dass rassistischen Tendenzen im Fußball Einhalt geboten werden müsse und er selbst sogar einen Wechsel im Winter erwöge; schockierend und demütigend sei das Erlebnis gewesen. Seine Entscheidung, den Platz in Absprache mit seinen Mannschaftskollegen zu verlassen, wurde europaweit gewürdigt, einzig FIFA-Chef Sepp Blatter, bekannt für seine zuweilen exklusiven Ansichten, warnte vor Schnellschüssen: Das Spielfeld zu verlassen, halte er für falsch, so Blatter, während Boateng „null Toleranz“ im Umgang mit Rassismus und in Extremfällen sogar lebenslange Stadionverbote forderte.

Rassismusprobleme im italienischen Fußball

Besonders in Italien scheint dieses Problem kein Einzelfall gewesen zu sein. Im Ligaspiel Lazio Roms am 5. Januar 2013 begleitete ein Teil der Lazio-Fans jeden Ballkontakt des kolumbianischen Cagliari-Spielers Viktor Ibarbo mit Affenlauten. Obwohl Lazio-Präsident Claudio Lotito den Vorfall strikt verurteilte und sich gegen das negative Image des Klubs wehrte, scheint die Situation bei den Römer Fans besonders im Argen zu liegen. Im Europa-League-Spiel am 22. November 2012 gegen die Tottenham Hotspurs, einem Londoner Verein, dessen Fans sich aufgrund der Entstehungsgeschichte des Klubs u.a. „Jid Army“ nennen, skandierten die italienischen Fans „Juden Tottenham, Juden Tottenham“ und enthüllten ein Banner mit der Aufschrift „Befreit Palästina“. Nach dem Spiel kam es zu regelrechten Jagdszenen auf Gästefans, im Zuge derer ein englischer Fan mehrere Stichwunden davonzog. In schlechter Erinnerung bleibt auch Lazio-Stürmer Paolo di Canio, der vor einigen Jahren seine Tore mit dem (Hitlergruß-ähnlichen) Römergruß feierte und welcher von den Fans erwidert wurde. Auch Hakenkreuzfahnen wurden zuweilen bei Spielen Lazios geschwenkt.

Der BVB reagiert

Wer Probleme dieser Art auf die Fanszene Italiens reduziert, liegt jedoch falsch. Auch die Fans Borussia Dortmunds produzierten im Kalendarjahr 2012 eifrig Negativschlagzeilen, die Vereinsspitze distanzierte sich gegen Ende des Jahres entschlossen. Im Bundesligaspiel gegen Werder Bremen (März 2012) hissten einzelne BVB-Fans ein Transparent mit homophobem Inhalt, im ersten Heimspiel dieser Saison eine Solidaritätsbekundung mit dem kurz zuvor von der Polizei ausgehobenem Nationalen Widerstand. Hohe Wellen schlug eine Recherche des Spiegel-Redakteurs Rafael Buschmann, der zufolge weite Teile des BVB-Ordnungsdienstes von Neonazis unterwandert sind. Im Derby gegen den FC Schalke 04 im Oktober 2012 sei es laut Buschmann zu einem tätlichen Angriff eines Ordners, der einer neonazistischen Gruppierung zuzuordnen sei, auf einen Schalker Fan gekommen. Der BVB prüfte die Anschuldigungen und reagierte: Man trennte sich von dem betroffenen Ordner, kündigte bessere Backgroundchecks an und distanzierte sich von jeder Form von Rassismus.
Letztlich sind Fußball und Fans in gewissem Maße Spiegelbilder der Gesellschaft, ein Umstand, der höchste Aufmerksamkeit erfordert. Zwar haben die Verantwortlichen der jeweiligen Klubs Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass sich nur geringe Minderheiten an den Aktionen beteiligten – das Problem besteht dennoch. Rassismus, Antisemitismus und Homophobie sind weiterhin gesellschaftlich tief verankert und stellen ernsthafte Herausforderungen für die multikulturellen Gesellschaften Europas dar. Der „Null Toleranz“ Ansatz Kevin-Prince Boatengs ist definitiv der richtige.