Künstlerviertel in Neu-Delhi – mehr als ein Slum
„I love to live here“
Fotos: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Alltag in Neu-Delhi: Artisten zeigen gewagte Akrobatik im Slum. Fotos: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Alltag in Neu-Delhi: Artisten zeigen gewagte Akrobatik im Slum.

Neu-Delhi. Die Kathputli Colony ist seit mehr als 50 Jahren das Zuhause von zahlreichen ArtistInnen, MusikerInnen, PuppenspielerInnen und anderen Künstlergruppen. Etwa 2800 Familien sind es, die dort leben; darunter finden sich weltberühmte KünsterInnen oder gar SchauspielerInnen aus Bollywood-Filmen. Trotz ihres Erfolgs leben sie in einem Slum – der wiederum der Regierung ein Dorn im Auge ist.

Februar 2015, vier KommilitonInnen und ich sitzen in einem Taxi, das sich durch das Verkehrschaos Neu-Delhis schlängelt. Wir fahren von unserem Hotel zur Kathputli Colony. Das Taxi hält an einer Metrostation. Der Fahrer verriegelt die Türen. Mir wird klar, dass wir uns nicht mehr im touristischen Teil der Stadt befinden. War es wirklich eine gute Idee, gerade hier einen Dokumentarfilm für unseren Optionalbereichskurs zu drehen? Langsam werde ich nervös.

Wir warten auf Raj Kumar, einen Trommler, der uns heute durch sein Viertel führen wird. Bis jetzt haben wir mit ihm nur telefoniert. Dann klopft er an die Scheibe. Er ist Anfang 30, seine schwarzen Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden, sein Bart ist perfekt rasiert und er trägt eine verspiegelte Sonnenbrille. „Welcome to India!“ sind seine ersten Worte, die er an uns richtet, nachdem er eingestiegen ist. Das Taxi verschwindet im Straßenverkehr. Raj führt uns in seine Kolonie. Für ihn ist es sein Zuhause, für mich eine vollkommen fremde Welt.

Nur mal kurz würgen, um dann zu staunen

Als wir die Kolonie betreten, muss ich kurz würgen. Ein fauliger Geruch liegt in der Luft, die Straßen sind voller Müll und an den Wegrändern fließen kleine Abwasserbäche. Einige Minuten spazieren wir mit Raj durch sein Viertel. Meine Sorgen lege ich nach und nach ab, genau wie meinen Ekel. Ich bin überrascht, wie schnell ich mich an diese Situation gewöhne. Die Offenheit, Fürsorglichkeit und Kreativität der Menschen überdecken schnell alles, was man als Europäer eigentlich schrecklich finden müsste.

In der Kolonie herrscht eine familiäre Atmosphäre. Freunde unseres Guides präsentieren uns ihre Kunststücke. Mitten auf der Straße fangen sie an, für uns zu trommeln, springen durch brennende Reifen und zeigen uns stolz ihre selbstgebauten Marionetten. Von den Puppen leitet sich auch der Name der Kolonie ab. „Kathputli“ bedeutet so viel wie Holz und bezieht sich auf das Material, aus dem die Marionetten gefertigt sind. Kathputli Colony ist demnach der Ort, an dem sich zunächst die Puppenspieler und später auch viele andere Künstler angesiedelt haben.

Von Familientrennung und Kreativitätseinschränkung

Raj erzählt uns von seinem Beruf. Er ist Trommler und Manager von „The Rocking Drummers“. Die Gruppe spielt sowohl auf lokalen Hochzeitsfeiern und Festen als auch auf internationalen Festivals. In seinem Leben kam er schon viel herum und war unter anderem in den USA und in Europa. Trotzdem kommt er immer wieder in seine Kolonie zurück. Der Slum ist seine Heimat. Hier sind seine Freunde und seine Familie.

Die indischen Behörden sehen dies allerdings anders: So soll es Pläne geben, die ansässigen Familien umzusiedeln. Hochhäuser, in denen die Künstler leben sollen, sind in Planung. Für die Bewohner der Kolonie wäre das jedoch eine völlig andere Situation. Kleine, isolierte Wohnungen statt einfacher Baracken und offener Hinterhöfe sind für das Stadtbild vielleicht schöner. Außerdem könnte man den Ort der Siedlung wirtschaftlich besser nutzen, indem man Kaufhäuser errichtet, in denen man Luxusgüter verkauft.

Das kreative Zusammenleben der Künstlerfamilien würde jedoch zerstört. In einem Betonklotz kann man nun mal nicht einfach Seiltanz trainieren oder kurzerhand einen kargen Platz in ein Marionettentheater verwandeln. Darüber hinaus erzählt uns Raj, dass indische Familien gerne zusammen leben. Durch die Umsiedlung würden sie zwangsweise getrennt. Einigen Menschen drohe sogar Obdachlosigkeit. Es heißt nämlich, dass nur Familien mit Dokumenten eine neue Wohnung bekämen. Zwar wurde die Kolonie legal errichtet, aber im Laufe der Jahre wurde sie immer größer und unübersichtlicher. So wohnen in der Kolonie heute  viele Menschen, deren Hütten nicht offiziell verzeichnet sind.

Stolz auf den Geburtsort

Bestimmt lässt sich darüber streiten, was für die Bewohner der Kolonie das Beste ist. Einerseits gibt es das kreative Leben im Slum, andererseits würden Wohnungen in einem Hochhaus vielleicht bessere Sanitäranlagen bieten und die Stadt wirtschaftlich besser dastehen lassen. Raj sagt dazu jedoch, dass er stolz darauf sei, in der Kolonie zu leben. Seine Kunst, das Trommeln, das er in seinem Viertel gelernt hat, ist der Grund, warum er bereits viel von der Welt gesehen hat. Und trotz allem kommt er immer wieder gerne zurück.                                 

Info: NEU-DELHI

Neu-Delhi, engl. New Delhi
Einwohner: 350.000
Bevölkerungsdichte: 8,2 Einw./km²
Familien in der Kathputli Colony: etwa 2.800
Die Kolonie existiert seit den 1950er-Jahren

Die Dokumentation über die Kolonie erscheint im Mai 2015 auf tv.rub.de.

Lest hier, wie unsere Gastautoren und RUB-Studenten Kai und Manuel nach indien gekommen sind.

:Gastautor Kai Bernhard

Privtakonzert in Rajs Haus. Foto: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Der Lotustempel in Neu-Delhi. Foto: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Straßenbild im indischen Slum. Foto: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Neu-Delhische Straßenszene. Foto: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Indiens Hauptstadt von oben. Foto: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Lässig: Indische Familie mit Roller. Foto: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
Alltag in Neu-Delhi: Artisten zeigen gewagte Akrobatik im Slum. Foto: Kai Bernhard/Manuel Pachurka
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