Vortrag von RUB-Doktorand: Die Situation der weiblichen Gefangenen während des Nordirlandkonfliktes
„Das Menstruationsblut an den Zellwänden stinkt zum Himmel“
Fotoquellen: lux, Jan Freytag; Collage: kac
Wandgemälde für die Kämpferinnen der IRA in Belfast: Sinnbild für den Vortrag von Jan Freytag, hier mit Organisator Pascal Gluth (links) vom AStA. Fotoquellen: lux, Jan Freytag; Collage: kac
Wandgemälde für die Kämpferinnen der IRA in Belfast: Sinnbild für den Vortrag von Jan Freytag, hier mit Organisator Pascal Gluth (links) vom AStA.

Wie geht Geschichtswissenschaft mit Geschlecht und Geschlechterfragen bei politischen Protesten um? Unter anderem dieser Frage ging Jan Freytag, Doktorand am Historischen Institut der RUB, am 4. Mai in seinem Vortrag „Weiblicher Gefängnisprotest im Rahmen des Nordirlandkonfliktes 1976–1986“ nach. Dieser bereitete auf den im Anschluss gezeigten Dokumentarfilm „Armagh Stories: Voices from the Gaol“ vor, in dem ehemalige Inhaftierte des Gefängnisses von Armagh von ihren Erlebnissen berichteten. Organisator war der AStA der RUB.Totale Kontrolle? Einblick in das Frauengefängnis Armagh. Quelle: Wikimedia Commons, User: Velvet

Der Irland-Experte grenzte die Situation der weiblichen Gefangenen von denen der männlichen ab: „Die Situation von Männern und Frauen war grundverschieden, daher wählten sie unterschiedliche Protestformen.“ Die Frauen konzentrierten sich größtenteils auf Arbeitsverweigerung und Waschverweigerungsprotest, die Männer hauptsächlich auf Hungerstreik. Sowohl der Vortrag als auch der Dokumentarfilm – der im englischen Original zeitweise schwer verständlich war – zeichneten ein beklemmendes Bild der damaligen Verhältnisse.

Als Fazit zeigt sich eine klare Ambivalenz: Auf der einen Seite steht der Wille der Frauen, als Kampfgenossinnen anerkannt zu werden, auf der anderen die Betonung von Weiblichkeit und sexueller Befreiung durch den Einsatz von Menstruationsblut.

Marginalisierter Protest: Frauen als randständiges Phänomen im Gefängniskonflikt. Quelle: Wikimedia Commons, Jimmy HarrisUnmenschliche Verhältnisse 

Der Dokumentarfilm von Regisseur Cahal McLaughlin aus dem Jahr 2015 (die DVD erscheint in Kürze) stellt AugenzeugInnenberichte in den Vordergrund. Eine tragbare Kamera folgt Menschen unterschiedlicher Hintergründe – Personal, Inhaftierte, Priester – beim Wiedersehen mit dem mittlerweile halbverfallenen Gefängnis und fängt ihre Erinnerungen ein. Im Anschluss an die sachliche Einführung wirkten die persönlichen Perspektiven besonders eindrucksvoll.

Der im Vorfeld nüchtern analysierte Waschverweigerungsprotest bekommt eine ganz andere Dimension, wenn eine nette, ältere Dame davon berichtet, dass sie ohne Zugang zur Toilette in ihrer Zelle eingesperrt wurde. Der ihr zugeteilte Nachttopf wurde nicht geleert und blieb auch nach dem Überquellen in der Zelle. Als Protest habe man angefangen, die Wände mit dem reichlich vorhandenen Kot, Urin und Menstruationsblut zu bemalen. Sie war kein Einzelfall: „Das Menstruationsblut an den Zellwänden von Armagh stinkt zum Himmel“, schrieb die Journalistin Nell McCafferty.

Letztlich hätten die Frauen nur die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel genutzt, um sich dem Protest der Männer anzuschließen – auch wenn von ihnen erwartet wurde, nach der Haft ins Haus zurückzukehren und sich ganz Mann und Kind zuzuwenden statt wie die Männer den Kampf fortzuführen, erklärt der Doktorand.              

Nordirlandkonflikt (1968–1998)

Die Ursache lag in der Diskriminierung der katholischen Minderheit im nordirischen Staat. Auf friedliche Proteste reagierte die Regierung mit Gewalt, was zur Neubildung der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) führte. Die 1969 ins Land geschickten britischen Truppen wurden Teil des Konfliktes. Im Gefängnis sahen sich IRA-Mitglieder diskriminiert, da sie ihre Handlungen als der politischen Lage und dem Konflikt geschuldet sahen. Sie seien keine StraftäterInnen sondern politische Gefangene.

 

     :Stefanie Lux

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