Bewaffnete Konflikte
Wie Kriege im 21. Jahrhundert entstehen
Noch lange kein Thema der Vergangenheit: Große Kriege beschäftigen das 21. Jahrhundert.
Noch lange kein Thema der Vergangenheit: Große Kriege beschäftigen das 21. Jahrhundert.

Konflikte. In weiten Teilen Europas herrscht seit nunmehr über 70 Jahren Frieden. Dies ist jedoch kein Frieden für die Ewigkeit, wie Politikwissenschaftler von der Universität Marburg Frank Deppe vergangenen Mittwoch in der Volkshochschule Bochum aufzeigte.

Die Beunruhigung darüber, dass sich in der Welt derzeit neue Kriegsherde und Konfliktpunkte anhäufen, wächst an. Neben Kriegs- und Krisengebieten wie  Jemen, Syrien, Mali oder der Ukraine, spielen zunehmend Konfrontationen zwischen großen Militärmächten wie den USA, Russland oder China erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges wieder eine Rolle. Im Vortrag „Krieg gegen den Terror oder neuer Imperialismus?“, der in Kooperation mit dem Friedensplenum Bochum stattfand, erklärte der emeritierte Politikwissenschaftler Frank Deppe von der Universität Marburg wie Krieg entsteht und näherte sich der Thematik anhand einer marxistischen Perspektive an.
 

Krieg durch Expansion

In der marxistischen Analyse Deppes führte in der Vergangenheit die Industrialisierung und die Akkumulierung von Kapital zu Kriegen. Die Konkurrenzverhältnisse, die unter dem Kapitalismus entstehen, leiteten Nationen zum Krieg. So sei die Entwicklung des Kapitalismus beispielsweise Anfang des 20. Jahrhunderts in ein „Stadium eingetreten, wo die Durchkapitalisierung im Inneren der Staaten an Grenzen gerät“, so Deppe. Dadurch entstand der Drang, nach außen zu expandieren. Dies führte zur kolonialistischen Konkurrenz und dem Wettstreit um die Aufteilung der Marktexpansionen. Diese Konkurrenz führte zur Aufrüstung und schlussendlich zum Ersten Weltkrieg. Heutzutage entwickeln sich die Konkurrenzverhältnisse entlang mehrerer großer Zentren, darunter die USA, Europa und China. Zusätzlich zu diesen Zentren kommen Gebiete wie Südamerika, insbesondere Brasilien oder auch Indien hinzu. Selbstverständlich spielt auch Russland eine wichtige Rolle, das zwar wirtschaftlich selbst nicht ein eigenes Großzentrum ist, aber durch den Anschluss zu China verbunden mit einer aggressiven Außenpolitik einen Konfliktherd abbildet. Aufgrund dieser problematischen Verhältnisse zeigt sich Deppe besorgt. „Wir leben in einer Situation, die von zunehmenden Widersprüchen und Krisentendenzen dieser internationalen globalkapitalistischen Ordnungen bestimmt werden und die zunehmend dazu führten, dass Konflikte entstehen, die mit militärischer Gewalt ausgetragen werden.“


Krise der Demokratie

Dem steht die sogenannte Interdependenztheorie gegenüber, die annimmt, dass durch die Globalisierung und die zunehmende Vernetzung von Nationalstaaten Krieg vermieden werden kann, da die Staaten ansonsten aufgrund der fehlenden Verbindungen starke Wohlstandverluste eingehen würden. Als Beispiel führen Interdependenz-Theoretiker häufig den Frieden in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg an. Deppe steht diesem Ansatz skeptisch gegenüber. „Mit den Krisenprozessen vor allem seit der großen Finanzkrise von 2008 und 2009 und dem, was sich dann abzeichnet an Entwicklungstendenzen – da sind einige Thesen in der heutigen Interdependenztheorie widerlegt“, so der Politikwissenschaftler. Beispielsweise habe der Finanzcrash zu einer tiefen Krise der Demokratie und der Stärkung rechter Kräfte und autoritärer Regime geführt, die nun zu einer Verhärtung von Konflikten führen.

:Stefan Moll
 

Autor(in):