Nach Intendanz-Debatte in Bochum
Warum nicht die Intendanz basisdemokratisch verwalten?
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Ein Stück über Armut oder Rassismus? Nein, gerade KünstlerInnen mit großem, sozialen Erfahrungsschatz bleibt der Eintritt in die Theaterlandschaft verwehrt. Bild: kac
Ein Stück über Armut oder Rassismus? Nein, gerade KünstlerInnen mit großem, sozialen Erfahrungsschatz bleibt der Eintritt in die Theaterlandschaft verwehrt.

Kommentar. Lokale Medien spekulieren über die Nachfolge der  künstlerischen Leiterin des Prinz-Regent-Theaters. Das ist nicht nur unangemessen, sondern auch das falsche Thema: Denn an Theatern sind Minderheiten noch immer unterrepräsentiert, wenn es um die Entscheidungen geht.   

Während der Aufführungspause rief er mich noch an: ein guter Freund, der wenige Minuten zuvor noch selbst auf der Bühne im Schauspielhaus stand. Als Syrer erhielt er eine kleine Nebenrolle: ein Streuner, der um Geld bettelt ... „Lass uns in die Kneipe gehen“, meinte er aus der Garderobe. „Ich versichere Dir: Das Stück bleibt so langweilig.“ Ich bestand darauf, noch zu Ende zu schauen. Aber er hatte Recht: trockenes, uninspiriertes Kanon-Theater. Von KünstlerInnen mit bildungsbürgerlichem Hintergrund für ZuschauerInnen mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. 

Das trifft auf viele Spielzeiten der Schauspielhäuser in dieser Region zu. Klar, es gibt im Theater an der Ruhr den Altmeister Roberto Ciulli, der bereits vor Jahren ein multikulturelles Ensemble zusammentrommelte, lange bevor etwa Shermin Langhoff, die als GastarbeiterInnenkind aufwuchs, als Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters die deutsche Bühnenlandschaft aufmischte. Mit mutigen Inszenierungen über gesellschaftliche Schieflagen. 

In Bochum, im Ruhrgebiet braucht es mehr davon. Denn BühnenkünstlerInnen wie David Guy Kono haben Recht, wenn sie beklagen, dass gerade Menschen mit Migrationshintergrund die Theatertüren oft verschlossen bleiben (siehe Seite 5). Gewiss, das ist eine Grundsatzdebatte, aber anlässlich der Diskussion über die Nachfolge der Intendanz des Prinz-Regent-Theaters (PRT) der richtige Zeitpunkt für einen solchen Einwurf: Auf den Regiestühlen sitzen noch immer zu viele Verantwortliche, die in gut behüteten Elternhäusern ihre Thomas-Mann-Lektüre genossen haben, später den Literaturnobelpreisträger auf der Bühne adaptieren und in Pressegesprächen erzählen, wie sehr sie schon damals die Thomas-Mann-Lektüre genossen haben. 

Vertane Chance an der Volksbühne 

Ohne Frage: Romy Schmidt, die aktuelle Intendantin des PRT, die zum Ende der Spielzeit aufhört, leistet genauso wie Hans Dreher von der Rottstr5, der als Nachfolger der künstlerischen PRT-Leitung ins Spiel gebracht wird, tolle Arbeit. Darüber muss kein Wort verloren werden. 

Eher darüber, dass Personaldebatten befeuert werden, während sogenannte Minderheiten, LGBT, Menschen mit Migrationshintergrund und/oder aus der ArbeiterInnenklassen massiv an den Schalthebeln der künstlerischen Produktion unterrepräsentiert sind. Vergangenen Herbst wurde an der Berliner Volksbühne eine Chance vertan, als der Senat die BesetzerInnen räumen ließ: Diese forderten eine selbstverwaltete, basisdemokratische Gestaltung des Programms. Auch der vorherige Intendant Frank Castorf drückte seine Sympathien für die BesetzerInnen aus.  

In diesem Sommer dreht sich in Bochum offensichtlich das Personalkarussel an den Bühnen. Zeit, um über ein basisdemokratisches Modell zu diskutieren, wie es die BesetzerInnen der Volksbühne gefordert haben. Um Theater zu inszenieren, das gesellschaftlicher Zündstoff sein kann, das utopische Räume eröffnet. Ohne zu langweilen. Bis dahin marschiere ich direkt mit in die Kneipe, sobald sich ein öder Theaterabend anbahnt.    

    :Benjamin Trilling