Ein Ritter steht nicht im Walde
Sechs Fragen über dein Stück Theatergeschichte
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Er steht vor dem Musischen Zentrum bei Wind und Wetter Patrouille: Martin Wilke. Bild: fufu
Er steht vor dem Musischen Zentrum bei Wind und Wetter Patrouille: Martin Wilke.

Interview. Ein Ritter steht an der Unibrücke der Ruhr-Universität Bochum… aber warum? Martin Wilke erzählt uns, was es mit dem Ritter, dem Musischen Zentrum und seinem Theaterstück „Iwein, eine Aventüre und noch mehr“ auf sich hat.

:bsz: Kannst du uns sagen, was es mit dem ominösen Ritter vor dem Musischen Zentrum auf sich hat?
Martin Wilke: Ein ominöser Ritter auf der Unibrücke vor dem Musischen Zentrum? Das war ich! In unserem Stück geht es nun mal um Ritter und auch darum, Außergewöhnliches zu tun. Flyern und Plakate aufkleben kann jeder. Vorlesungen der Mediävistik haben wir mit Helm unterm Arm und Begeisterung in der Stimme besucht, um lebendiges Mittelalter in Form lebendigen Auftretens zu bewerben.
Sich dann in voller Montur auf die Unibrücke zu stellen, ist also bloß der nächste logische Schritt, um möglichst alle Interessierten aufmerksam zu machen.

Worauf kann sich das Publikum von „Iwein, eine Aventüre und noch mehr“ freuen?
Wir zeigen keine bloße Übersetzung des mittelhochdeutschen, sondern erzählen das Werk Hartmann von Aues neu, mit kritischem Blick und Witz. Wir haben die Geschichte Iweins lebendig gemacht durch moderne Kommentare und Sprache, besondere Ausgestaltung, Aufwertung von Figuren und viele Anspielungen auf die seltsamen Eigenheiten vom eigentlichen Text Hartmanns. Zudem wird unsere Aufführung durch vielfältige Kostüme, tolle Tonkulisse und Schwertkämpfe einer historischen Fechtgruppe lebendig gemacht.

Wie lange arbeitet ihr schon an der Aufführung?
Die Idee stammt vom Herbst 2018. Angefangen zu schreiben habe ich im Januar 2019. Seit April arbeiten wir als Gruppe von 14 Leuten an unseren Figuren, Text, Kostümen und Sprache an einem Text, der zunächst 100 Prozent von Hartmanns Vorlage abbildete. Das hätte aber natürlich völlig den Rahmen eines Theaterabends gesprengt! Daher fokussierten wir unser Stück auf das Wesentliche: Das Streben eines jungen Ritters, nach Ruhm und Ehre der merkt, dass diese Werte nichts bedeuten, wenn er dafür die Liebe seiner Frau verliert.

Wer ist alles an der Produktion beteiligt?
Freunde, die ich um mich scharen konnte! Zusammengekommen aus den unterschiedlichsten Interessensgebieten, die mich mit allen verbinden: Studentische Theatermenschen vom MZ, mit denen ich bereits mehrere Stücke seit 2018 spielte, Kommilitonen aus Germanistikseminaren, historische Fechter meiner Sportgruppe und deren Freunde und Familien. Weitere Hilfe außerhalb des MZ und meines Sportvereins nahmen wir nicht in Anspruch und haben das Projekt finanziell und organisatorisch allein gestemmt.

Was macht euer Stück außergewöhnlich?
Der „Iwein“ ist bereits eine Neuerzählung, als er 1200 von Hartmann (ab-)geschrieben worden ist. Es gab bereits weitere Retextualisierungen des Stoffs, aber bisher noch keine, die den Weg des Theaterstückes ging. Die Geschichte ist keine bloße Aneinanderreihung von Heldentaten, sondern die psychologische Entwicklung einer Figur, die eine tiefe persönliche Krise fast bis zur Selbstaufgabe durchmacht, aber durch einen Neuanfang und Aufschwung zu neuem Leben sich seiner Vergangenheit erneut stellen kann. Weil mich diese Geschichte einfach nicht kalt lässt, widmete ich mein Jahr 2019 fast völlig der Produktion dieses Stücks.

Was ist das „und noch mehr“?
Eine Aventüre und noch mehr ist ein Titel, der bereits das Stück anerzählt, „âventiure“ ist ein Begriff, der eine Reise beschreibt, in der ruhmreiche Rittertaten geschehen sollen. Unser Stoff geht über „eine“ Aventüre hinaus und erzählt neben weiteren Episoden der Vorlage, die auch Aventüren sind, eine tiefere, persönliche Geschichte. Außerdem bietet unser Stück eben dieses „mehr“. Es ist keine bloße Übersetzung. Es ist Nacherzählung, Neuerzählung, Reanimation. Und mittlerweile auch kein geringer Teil meines Lebens.  

Das Interview führte :Christian Feras Kaddoura