Von „Gesinnungsjournalismus“ bis „Lügenpresse“
Journalismus ist politisch

Kommentar. Die AfD will Redaktionen stürmen, Neonazis schreien „Lügenpresse“. Doch geschimpft wird über „Gesinnungsjournalismus“.

Journalismus muss objektiv sein. Das stimmt, jede*r Journalist*in muss das unterschreiben und nach diesem – beinahe könnte man sagen – Credo arbeiten. Journalismus nimmt eine beobachtende und beschreibende Rolle ein, mischt nicht mit. Das ist gut und richtig. Doch wenn der Journalismus selbst, und zwar in seiner Rolle als aufklärerisches, interpretatives Werkzeug der Demokratie von rechtsaußen angegriffen wird, wenn die AfD von einer „Revolution“ träumt, bei der „die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt“ werden, wenn Neonazis und auch die Polizei oftmals gefügig mit diesen Antidemokrat*innen gegen die Pressefreiheit taktiert, wird eins deutlich: Journalismus muss politisch sein. Mit jedem Wort müssen demokratische Grundwerte verteidigt werden und jede Schlagzeile muss ein Stachel im Fleisch derjenigen sein, die gegen Demokratie, Gleichheit und Freiheit agieren. Wir Journalist*innen müssen für diese Werte einstehen und sie mit unserer Arbeit schützen.
 

Gesinnungsjournalismus?

Unlängst beschwerte sich Präsident Trump darüber, dass die Berichterstattung über ihn überwiegend negativ ausfalle. Einen Namen für dieses Phänomen hat er schon lange parat, für ihn sind es „fake news“. Deutsche Rechtsradikale gehen weiter und sprechen von „Gesinnungsjournalismus“ oder „Lügenpresse“ – Vokabular des Nationalsozialismus. Diese Zeit, in der die Verlagshäuser gestürmt wurden und Journalist*innen ermordet wurden. Auch auf offener Straße. Die Ermordungen von Daphne Caruana Galizia, Ján Kuciak und zuletzt Wiktorija Marinowa zeigen, wozu Hass und Hetze gegen Pressevertreter*innen führen. Verrohung der Gesellschaft, Hass und zuletzt Mord. Wenn nun sowohl eine im Bundestag vertretene Partei als auch ihr militanter, teils rechtsterroristischer Mob auf den Straßen weiter Hass schüren, von der angeblichen Lügenpresse in Merkels Auftrag palavern, spätestens dann ist es notwendig, dass Journalismus politisch ist. Es geht um mehr als Berichterstattung, es geht ums Ganze.

:Justinian L. Mantoan