Performance „Politisches Solo“ im Freien Kunst Territorium in Bochum
Die Suche nach dem Sinn des Politischen
Grafik: müller*****
Ein wenig abstrakt und minimalistisch: Das Plakat zur Aktion gibt sich wie die Vorstellung selbst. Grafik: müller*****
Ein wenig abstrakt und minimalistisch: Das Plakat zur Aktion gibt sich wie die Vorstellung selbst.

An vier Abenden fand bzw. findet im Freien Kunst Territorium (FKT) in Bochum ein „Selbstversuch in Empathie“ statt. So lautet der Untertitel der multimodalen Performance „Politisches Solo“ der an der RUB studierten Künstlerin Elisa Müller. Es geht um die Position des/der Einzelnen in der Demokratie, um unterschiedliche politische Strategien und nicht zuletzt um das Wesen der Politik und des Politischen. Es ist die Suche nach dem Grundlegenden. Auf diese Suche macht sich die Künstlerin alleine in einem Monolog, das Publikum sucht gemeinsam in Vorträgen und Filmsichtungen und hilft sich dabei gegenseitig in Diskussionen. Das Thema ist jeden Abend ein anderes, am 21. Februar geht es um Konsumentenverantwortung, am 22. um Kriegsfotografie. Als Exempel: Der Samstagabend mit einem Blick auf „Politisches Theater als politische Strategie“.

Erster Teil: Performance. Thema: Was ist mein Platz in der politischen Welt? Zweiter Teil: Vortrag und Diskussion. Thema: Was ist der Platz politischen Theaters in der politischen Welt? Es ist ein interessanter Kniff, eine der zentralen Frage des ersten Programmpunkts, „wie kann ich mich in diese Welt einbringen?“, mit der Performance selbst zu beantworten, indem man diese Frage einfach öffentlich stellt. Es ist ein noch interessanterer Kniff, den Sinn dieser Partizipation am öffentlichen Geschehen direkt anzuzweifeln; „Welche Wirkung hat politisches Theater?“ fragte die Referentin. Daher heißt der zweite Teil des Abends auch „Blickwechsel“. Nicht nur der Blick wechselt, auch die Form kehrt sich um 360 Grad: Aus dem Monolog wird die Diskussion im Plenum. Doch ist die Reflexion über das Tun des Performancelabels müller***** nicht bei jeder Aufführung Programmpunkt: Am 15. Februar wurde unter dem Titel „Elend zeigen als politische Strategie?“ der Film „Enjoy Poverty“ gezeigt, am 21. und 22. Februar geht es um Konsumentenverantwortung beziehungsweise Kriegsfotografie als politische Strategien. Eigentlich sollte das Vortragsthema am Samstag auch den Unsinn als politische Strategie betrachten, doch hat sich die Referentin, die in Gießen promovierende Theaterwissenschaftlerin Anneka Esch-van Kan, kurzfristig für die Themenänderung entschieden. In allen Fällen lässt sich dennoch noch eine weitere Facette des Begriffes Blickwechsel ausmachen: Der Wechsel vom ganz allgemeinen, grundlegenden Blick auf politische Partizipation zur verengten, speziellen Betrachtung einer einzelnen politischen Strategie.

Überraschende Allgemeinplätze?

Dieser grundlegende Teil ist eine Selbstbefragung. Darstellerin und Kopf des Theaterlabels müller*****, Elise Müller, sitzt auf einem Hocker in einem großen ehemaligen Büro- oder Seminarraum und fragt sich: „Warum interessierst du dich für die Welt? Was betrifft dich unbedingt und unmittelbar? Warum willst du dich einbringen? Wie willst du dich einbringen? Und was ist ‚sich einbringen‘ überhaupt?“ Es geht also um Grundsätzliches der Demokratie, des demokratischen Menschen. Ergo um Fragen, die sich jeder mündige Mensch in einer demokratischen Gesellschaft gestellt haben sollte. Dennoch wirken manche Gedanken in ihrem fundamentalen Charakter fast überraschend.
Elisa (es wird geduzt an diesem Abend) befragt sich selbst, allerdings eben in der Du-Form. Die Fragen sind implizit auch an den Zuschauer gerichtet. Die einleitenden Sätze über den Ort stellen zudem eine Gemeinsamkeit zwischen Akteurin und Publikum her. Akteurin wohlgemerkt, ist mit dem englischen Wort actor verwandt, doch steht bei dieser Performance keine Schauspielerin auf der Bühne. Nicht einmal eine Bühne im klassischen Sinn existiert. Die Selbstbefragung geschieht in nachdenklichem Ton mit ebenso nachdenklichen, aber auch bedachten Gesten. Requisiten sind der Stuhl, ein Stift und eine Tür. Der Inhalt geht ganz klar über Form; ist das noch Schauspiel? Gerade weil die gesamte Performance in den Gesamtkontext mit anschließenden Blickwechseln und den vier Aufführungen eingebettet werden muss, fällt eine Begriffsbestimmung schwer. Es ist ein Experiment. Und deshalb trägt das „Politische Solo“ auch den vagsten aller Kategorisierungen: „eine aktionsform“.

RUB-Philosophen für fünf Sterne

Hinter dieser „aktionsform“ steht vor allem Elisa Müller, die mit ihrem 2008 gegründeten Label müller***** (von ihr selbst einfach als „Müller“ ausgesprochen) mit unterschiedlichen Menschen zusammenarbeitet. Ein Kern von fünf bis sechs HelferInnen konzipierte und realisierte das Politische Solo, hinzu kommen die Vortragenden, die die Impulse für den interaktiven Teil des Abends geben sollen. Am kommenden Donnerstag ist dies der RUB-Philosoph Daniel Saar, der sich mit der Ethik des Konsums auseinandersetzt.
Vier Aufführungen gab es bereits Anfang Januar in Berlin, wo die gebürtige Essenerin Elisa Müller auch aktiv ist. Die zweite Hälfte des Zyklus ist diese Woche noch im Freien Kunst Territorium in Bochum zu sehen. Weitere Aufführungen in Düsseldorf sind in Vorbereitung.

müller*****: Politisches Solo. Selbstversuch in Empathie
21. und 22. Februar
20.00 Uhr
Freies Kunst Territorium
Bessemer Str. 30, Bochum

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