One love oder Komerz?
Die Kultur verkauft sich
Bild: kiki
Die Festivals sehen trotzdem noch schön aus. Bild: kiki
Die Festivals sehen trotzdem noch schön aus.

Kommentar. Techno wird immer mehr massentauglich und das Geschäft mit der Musik brummt.

Was passiert mit Kultur, wenn diese zum Geschäft wird? Wer veranstaltet unsere Partys und wer kommt auf diese? Fragen, die man vielleicht nicht sofort stellt, wenn man sich mal für vier Tage ordentlich weglötet. Vielleicht sollte man sich aber mal diese Fragen stellen, wenn man zusammen auf dem Floor steht und hoch zu dem DJ schaut. Woher kommt eigentlich der Techno und was macht ihn so besonders? Für mich steht Techno für eine kulturelle Revolution. Zürich hat es sogar schon als Kulturerbe eingetragen. Es ist die Versammlung derer, die keinen Platz finden an anderen Orten. Es sind diejenigen Willkommen, die sonst ausgegrenzt werden. Es ist emotional, wild und ein Versuch eine Welt zu schaffen, die einer Utopie näherkommt. Doch je größer das ganze wird, desto mehr Leute springen mit auf. Immer häufiger finden sich „Bademeister“ und „Yuppies“ auf den Floors. Auf die Fusion fahren große Wohnwägen mit viel Bling Bling. Die Verkleidung wird wichtiger als die Gemeinschaft, der Egotrip und die Darstellung weicht der Selbstverwirklichung und Politik weicht dem Konsum. Die Verlosung von VIP Tickets verführt die Menschen zu denken, dass die, die hinter dem DJ-Pult stehen besser sind, als der Plebs auf dem Floor. Der DJ wird internationaler, Dein Festival ein weiterer Ort auf einer langen Tournee und das Set nichts weiter als die endlose Wiederholung des immer Gleichen. Es funktioniert ja. Ich gehe immer noch zähneknirschend auf Techno-Festivals, jedoch werde ich immer bitterer und unzufriedener. Bin ich denn der einzige, der diesen Trend sieht? Bin ich der einzige, der sich daran stört? Irgendwie scheint es so. Denn die Leute feiern eifrig weiter. Ballern, ballern, ballern! Nichts scheint wichtiger als das. Gehe ich in Frankfurt feiern, stehe ich neben Bänkerschick und trinke Lemonaid. Gehe ich in Berlin feiern, muss ich mich vor einer diskriminierenden Tür rechtfertigen – mein Kumpel aus Irak kommt dann eben nicht rein. Die Geburtsstätten des Technos haben gemerkt, dass Geld mehr Wert ist als Kultur. Je mehr Leute kommen, desto mehr Kohle. Dabei grenzt man dann doch lieber die Minderheiten aus, als die Masse und gibt vor, wie man sich zu kleiden hat – dabei meine ich nicht ideologische Kleidungsverbote, wie Flaggenverbote und ein Verbot rechter Symbolik.  Das Geschäft mit der Kultur wirft einen großen Schatten und die Verantwortlichen tun so, als wäre alles beim Alten. Techno ist schon lange nicht mehr das, was es mal war. Es ist Tourismusmagnet und eine Zahl geworden.

Der symbolische Schwanzvergleich weicht dem Inhalt – wer ist das größte Festival, wer hat das beste Lineup, wer hat das alternativste Festival? „Familiär“ und „gemütlich“ sind nur noch Werbeslogans, deren Bedeutung schon längst verloren gegangen sind. Kann man überhaupt bei 10 000 - 120 000 Besucher*innen familiär sein? Eine ziemliche Herausforderung, die, meiner Meinung nach, auch nicht zu bewältigen ist. So bleibt also nur die Aufteilung der Kultur in Subkulturen. Die Akzeptanz, dass Techno nicht mehr eine Sache ist und unter einem Dach vereinbar ist.

Also fordere ich mehr Vielfalt! Wer VIP feiern möchte, soll das auch machen, aber nicht auf meinem Festival. Auf meinem Festival soll gekuschelt werden. Es sollen Ideen ausgetauscht werden und zusammen auf gleicher Ebene gefeiert werden. Das Experiment einer gelebten Utopie soll wieder versucht werden. Selbst wenn es Gefahr läuft nicht zu klappen.             

:Gerit Höller